Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Hoffnungsträger Biokohle Klimaretter und Ackerwunder?

Bio- oder Pflanzenkohle ist zum weltweiten Hoffnungsträger im Kampf gegen die Klimakatastrophe und gegen die schwindende Bodenfruchtbarkeit geworden. Denn Biokohle hat erstaunliche Qualitäten.

Autor: Albrecht Kieser / Redaktion: Gerda Kuhn Stand: 17.01.2012

Als im April 2011 zwanzig Autos auf der Autobahn Rostock - Hamburg ineinander fuhren und acht Tote zu beklagen waren, wurde für einen Moment deutlich, welch dramatische Folgen die Verwüstung von Ackerböden auch in Deutschland hat.Der Mecklenburger Autobahnabschnitt war von einer sogenannten "dust bowl", einer Staubschüssel verdunkelt worden. Starker Wind hatte von einem nahegelegenen Maisacker große Mengen Staub aufgewirbelt.

Für die Vereinten Nationen sind solche Erosionen durch Wind und Regen Indizien für die Verwüstung landwirtschaftlich genutzter Flächen. Sie schätzen, dass auf der Erde pro Jahr 75 Milliarden Tonnen Mutterboden und damit tausende Quadratkilometer landwirtschaftlicher Nutzflächen verloren gehen durch industrielle Landwirtschaft, unbedeckte Ackerböden, Waldrodungen, Städte- und Straßenbau. In Deutschland ist besonders die industrielle Landwirtschaft für die Bodenerosion verantwortlich: durch schwere Maschinen, die den Boden verdichten und durch Pestizide und Kundstdünger, die lange für gute - wenn auch mit Rückständen belastete - Ernten gesorgt, aber gleichzeitig das Leben im Boden abgetötet haben.

Die Pflanzenkohle kommt

Bio- aber auch konventionelle Landwirte gehen jetzt einen anderen Weg: Mit Bio- beziehungsweise Pflanzenkohle. Sie wird im sogenannte Pyrolyse-Verfahren bei Temperaturen von über 700 Grad Celsius hergestellt und trägt zur Erneuerung fruchtbaren Bodens bei. Dazu werden zwischen zehn und 30 Prozent der Kohle organischem Dünger beigemengt. Die Mischung wird auf den Boden aufgetragen und bestenfalls leicht eingearbeitet. Weil die Pflanzenkohle sehr porös ist, ein einziges Gramm verfügt über mehr als 500 Quadratmeter Oberfläche, können Mikroorganismen optimal auf ihr siedeln und sich die Nährstoffe des Komposts stabil einlagern. Es sind Milliarden Lebewesen pro Gramm Erde, die den Boden fruchtbar umarbeiten. Sie selbst und ihre Verdauungsprodukte liefern den Pflanzen dann ausreichend Nährstoffe - ohne jeden Zusatz künstlichen Düngers. Kompost plus Biokohle, das ist stabiler Humus, das ist die berühmte Terra Preta, die Indianerschwarzerde aus dem Amazonas, die dortige Böden bereits vor Hunderten von Jahren fruchtbar gemacht hat.

"Wir nehmen eine alte agrikulturelle Tradition auf, die auf allen Erdteilen nachweisbar ist. Die Rückführung von organischen Reststoffen, gemischt mit verschwelter Kohle in den Boden."

 Hans-Peter Schmidt, Delinat-Forschungsinstitut Ithaka

Ein weiterer wichtiger Effekt der Pflanzenkohle: sie bindet über Jahrhunderte Kohlenstoff aus Pflanzenresten im Boden und reduziert deshalb das klimaschädliche CO2. Wenn ein Drittel der globalen Ernterückstände in Biokohle verwandelt würde, könnten die CO2-Emissionen um bis zu 20 Prozent gesenkt werden, hat der US-amerikanische Geoökologe Johannes Lehmann errechnet.

Pflanzenkohle wird aus Abfällen hergestellt. Pflanzenreste, Holzschnitzel oder Ernterückstände werden innerhalb von maximal 24 Stunden verschwelt, ohne Energie von außen einsetzen zu müssen. Erste gewerbliche Anlagen wurden jetzt in Deutschland und der Schweiz installiert.

Ein neuer erneuerbarer Energieträger

Eine andere Art von Kohle aus Biomasse wird in nur zwei Stunden aus feuchter Biomasse, zum Beispiel aus Klärschlamm hergestellt, im sogenannten HTC-Verfahren (hydrothermale Carbonisierung). Bei Temperaturen von 200 Grad Celsius und hohem Druck entstehen keine so großen Oberflächen wie die Pflanzenkohle sie aufweist. Die HTC-Kohle bietet weniger Lebensraum für Bodenorganismen und zerfällt außerdem im Boden schneller. HTC-Kohle ist deshalb zur Herstellung von Terra Preta nicht geeignet. Dafür kann sie als Energieträger für die Wärme- und Stromproduktion genutzt werden. Bei einem Heizwert, der zwischen Braun- und Steinkohle liegt, verbrennt diese Biokohle klimaneutral, da sie nur die Menge CO2 abgibt, die das verwendete Material vorher der Atmosphäre entzogen hat.

"Wir wollen eine energetische Kreislaufwirtschaft installieren, die nicht mehr auf fossile Energieträger zurückgreift, sondern die mit pflanzlichen Materialien und Abfällen arbeitet und, ohne eigene Energiepflanzen auskommt."

Marc Buttmann, Bundesverband Hydrothermale Carbonisierung

Nicht auf die Politik warten

Im politischen Raum sind die Resonanzen auf die wachsende Zahl von Biokohle-Akteuren in Landwirtschaft und Wissenschaft bislang eher verhalten. Man müsse noch prüfen, ist von allen zuständigen Ministerien zu hören. Die Pflanzenkohle-Verfechter befürchten, dass die einflussreiche Agrarchemie-Lobby, die um Absatzmärkte von Kunstdünger und Pestiziden fürchtet, für diese Zurückhaltung mitverantwortlich ist. Aber sie schaffen weiterhin Fakten. Und überzeugen erst einmal die Nachbarn und weitere Interessierte. Kleine Inseln sind entstanden und vergrößern sich; es ist so wie bei jeder Neuerung: das Beispiel zählt. Der Aufbruch in eine neue Zeit des Landbaus und der regenerativen Energie mithilfe der Pflanzenkohle wird nicht mehr aufzuhalten sein. Davon sind sie überzeugt.

Buch-Tipps

Gerald Dunst: Humusaufbau, Chance für Landwirtschaft und Klima. Verein Ökoregion Kaindorf 2011.
August Raggam: Biomasse stoppt Klimawandel. DBV-Verlag 2008.
David R. Montgomery: Dreck. Warum unsere Zivilisation den Boden unter den Füßen verliert. Oekom-Verlag 2010.