Smart Home Wenn das Haus "intelligent" wird
Glaubt man den Herstellern, wird das Haus von morgen vernetzt und intelligent sein. Doch wer bereits jetzt preiswert automatisieren will, ist schnell frustriert. Der Grund: fehlende Standards und mangelnder Wettbewerb.
Der Wecker klingelt morgens 20 Minuten früher, weil das "Home-Automation-System" festgestellt hat, dass es einen Stau auf dem Weg zur Arbeit geben wird. Das Badezimmer ist bereits richtig temperiert, um komfortabel und dennoch energiesparend zu duschen. Es erinnert außerdem daran, welche Medikamente noch einzunehmen sind. Wenn man das Haus verlässt, gehen alle Systeme auf Standby. - So oder so ähnlich könnte sich in Zukunft das Leben im "Smart Home" abspielen. Visionen und Forschungsprojekte, wie unser Haus zum "intelligenten Tagesbegleiter" werden soll, gibt es jedenfalls jede Menge. Und viele dieser Szenarien klingen durchaus spannend.
Home Automation - nicht nur für Millionäre
Einige Zeitgenossen fragen sich allerdings: Sind das alles "Luxus-Spielereien" nur für Millionäre mit Villa, Pool und Yacht - oder sinnvolle Anwendungen auch für Ottonormalverbraucher mit Reihenhaus? Wo sind die preiswerten Lösungen für die breite Masse, deren Nutzen sich auf Anhieb erschließt?
Momentan blicken Kunden leider auf einen zweigeteilten Markt: Wen die Aussicht schreckt, im Baumarkt nach den derzeit nicht gerade üppig vorhandenen Einzelbausteinen Ausschau zu halten - und zu versuchen sich daraus selbst ein System zu "basteln" - dem bleibt nur, sich entsprechend teure Anlagen bei einem etablierten Hersteller einzukaufen und vom "Fachmann" montieren zu lassen. Dafür sollte man dann aber auch das nötige Kleingeld mitbringen: mittlere fünfstellige Beträge aufwärts. Dafür bekommt man dann mehr oder weniger umfangreiche Sammel- oder Einzellösungen: Rollläden werden abhängig von Sonnenstand und Außentemperatur rauf oder runter gefahren, Heizungen ferngesteuert, im Urlaub Anwesenheitsszenarien simuliert, damit kein Einbrecher auf die Idee kommt, ein Haus steht leer. Steckdosen, an denen nach Abreise immer noch das Bügeleisen hängt, können per Smartphone abgeschaltet werden. Ein Panikschalter benachrichtigt Nachbarn oder Bekannte.
"Ich kann mir vorstellen. dass wir in fünf oder zehn Jahren keinen Lichtschalter mehr in der Wohnung haben. Der Raum wird selbst erkennen, welche Lichtstimmung der Nutzer benötigt."
Thomas Unger, Leuchtenhersteller Bruck
Die Tücken im Detail
Welche Lösung im Einzelfall sinnvoll ist, hängt natürlich auch davon ab, ob man im Altbau renoviert oder komplett neu baut. Da die meisten privaten Heimanwender in einer Mietwohnung leben, ist das Aufstemmen sämtlicher Wände und das Verlegen von Kupferleitungen meist keine Option. Bleibt die Funklösung, um die Home Automation-Infrastruktur zu vernetzen. Das Grund-Prinzip ist dabei immer ähnlich: Man braucht "Sensoren", die den Zustand der Umwelt messen - Temperatur, Stromverbrauch, Kontakte - und "Aktoren", also Geräte die entsprechend reagieren, Ein- und Ausschalter für Motoren. Hinzukommt ein Steuerrechner mit Internetanschluss und eine Steuersoftware, die sich meist auch per Smartphone oder Notebook aus der Ferne kontrollieren lässt.
Es macht allerdings wenig Freude, sich auf dem Weg in den Urlaub die ganze Zeit den Kopf zu zerbrechen, ob man das Bügeleisen auch wirklich erfolgreich abgeschaltet hat - oder vielleicht bei der Fernsteuerung doch ein kleiner Fehler mit großer Wirkung aufgetreten ist - sprich: das Haus gerade abbrennt. Bessere Systeme verfügen daher über einen "Rückkanal", um erfolgreiche Aktionen auch zu bestätigen.
Einige Anbieter betreiben die Steuerung außerdem über ihren eigenen zentralen Server. Man ist als Kunde also immer mit dem Rechner des Herstellers verbunden und kann oft gar keine Offline-Lösung kaufen. Was als Service für den Kunden beworben wird, ist letztlich schlaues Marketing: Man bindet den Kunden an das eigene Unternehmen, behält die Kontrolle über die Software und die Kundendaten - und lässt sich das ganze natürlich auch entsprechend teuer bezahlen.
"Es kursieren sehr viele Home-Automation-Szenarien in den Medien, die alle ein bisschen realitätsfremd sind. Also viele Leute finden das ganz nett, sagen aber: eigentlich brauchen wir das nicht."
Rudolf König, Programmierer und IT-Berater, Frankfurt/Main
Von wegen Standard
Will man eines Tages sein System mit dem Angebot eines ganz anderen Herstellers erweitern, gibt es oft ein böses Erwachen. Die Systeme der meisten Firmen - egal ob vom Fachmann installiert oder Bastellösung aus dem Baumarkt - gleichen einer "einsamen Insel". Für "Home Automation" gibt es nämlich keinen verbindlichen Standard, der von allen Herstellern gemeinsam unterstützt wird. Standards, die z.B. regeln wie Sensordaten ausgetauscht werden, wie Geräte gesteuert werden und so fort.
Und selbst dort, wo der Eindruck erweckt wird, es handle sich doch um Standard XY, wird bei genauerem Hinsehen oft klar: alles eine Mogelpackung. Der angeblich offene Standard wird doch wieder nur von einem einzigen Hersteller oder einem bestimmten Konsortium vertrieben. Von Transparenz und Wettbewerb im Markt - keine Spur.
Viele Systeme arbeiten außerdem unverschlüsselt. Die Gefahr, dass der Nachbar die Funkprotokolle abhört und einen dann ärgert, indem er die Rollläden rauf und runter fährt - oder eben mal die Heizung abschaltet, dürfte dabei noch das geringste Übel sein.
Begehrlichkeiten wecken vor allem die anfallenden Daten - zum Beispiel der Stromverbrauch. Der offenbart eine ganze Menge über uns: Wann sind wir zuhause? Wann gehen wir ins Bett? Wie lange schlafen wir? Wann schalten wir den Fernseher ein? Daten, die für viele interessant sein dürften: für Versicherungen, die Polizei, Geheimdienste - oder Kriminelle.
Die Brücke zwischen den Inseln
Breit im Markt etablierte, offene Industriestandards sucht man im Bereich Home Automation bisher also vergeblich. Welcher Hersteller mit wem kooperiert, was sich wo einbinden lässt, kann kein Kunde durchschauen.
Eine Alternative ist Open Source Software wie "FHEM". Das System arbeitet "modular"- man kann ganz verschiedene Anwendungen und Protokolle einbinden. Egal ob Heizungssteuerung, Alarmanlage oder Gartenbewässerung - vorausgesetzt ein freiwilliger Programmierer hat das entsprechende Protokoll des entsprechenden Herstellers geknackt. Doch auch derartige Software-Projekte stoßen schnell an ihre Grenzen: Nur wer mit Technik umzugehen weiß, wer bereit ist sich einzuarbeiten und Zeit zu investieren, wird damit überhaupt klar kommen.
Die Bilanz in Sachen "Home Automation" - jenseits aller bunten Werbeszenarien - fällt also ernüchternd aus. Die goldene Lösung ist noch nicht gefunden. Jeder muss selbst abwägen, was ihm wichtiger ist: Sich selbst ein preiswertes offenes System zu basteln, dabei aber selbst viel Zeit und Energie investieren zu müssen. Oder viel Geld auszugeben für ein System, das als "Insel" vielleicht gut läuft, sich dabei aber abhängig zu machen von einem einzigen Hersteller.
Das Beste aus beiden Welten, also ein System, das sofort funktioniert, das beliebig erweiterbar ist und auch noch für wenig Geld zu haben - ist vorerst jedenfalls nicht in Sicht.
"Der Markt ist offensichtlich noch so klein, dass die Hersteller kein Interesse daran haben, ihre Geräte-Protokolle zu veröffentlichen. Das finde ich schade. Es führt genau zu dem, was wir zur Zeit haben: die Zersplitterung des Marktes."
Rudolf König, Programmierer und IT-Berater, Frankfurt/Main

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