Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Früher Verschleiß eingeplant? Obsoleszenz von technischen Geräten

Elektronische Geräte entwickeln sich immer mehr zu Wegwerfprodukten. "Geplante Obsoleszenz" nennt das die Wirtschaftswissenschaft, wenn die Lebensdauer künstlich verkürzt wird. Nachzuweisen ist diese Praxis schwer.

Von: Lukas Grasberger / Redaktion: Nicole Ruchlak Stand: 10.07.2012

Mehr als 80 Millionen elektronische Leichen haben die Bundesbürger im Keller, schätzte unlängst der IT-Branchenverband Bitkom. Und das sind nur alte, ausgediente Handys. Der weltweit wachsende Elektroschrottberg geht einher mit einem immer kürzeren Lebenszyklus von Geräten: Gerade einmal 18 Monate hat man im Schnitt ein Handy im Gebrauch, bevor es dank Vertragsverlängerung günstig ausgetauscht wird. Oft scheinen diese Geräte aber auch gar nicht länger zu halten: In der Wahrnehmung von Verbrauchern häufen sich die Fälle "vorschnellen Produkttodes". Und wenn das Smartphone, das iPod, die Playstation oder die Kaffeemaschine kaputtgeht, scheint dies oft genau kurz nach Ende der Garantiefrist zu geschehen. Es stellt sich der Verdacht ein, dass der frühe Verschleiß technischer Geräte eingeplant ist.

"Wenn ein Unternehmen beschließt: Ein Produkt braucht nur drei Jahre zu funktionieren, es hält aber zehn Jahre, dann ist da natürlich ein Kostenfaktor drin , den ich reduzieren könnte. Und natürlich machen die Firmen das. Man orientiert sich bei Entwicklungen häufig nicht daran, das möglichst lange haltbar zu machen, sondern möglichst so, dass es die internen Standards der Unternehmen besteht."

Olaf Wittler, Fraunhofer-Institut für Zuverlässigkeit und Mikrointegration IZM, Berlin

Das Verfallsdatum elektronischer Geräte

Dass Hersteller elektronische Geräte mit eingebautem Verfallsdatum produzieren, klingt zunächst wie eine Verschwörungstheorie. Doch der Fachbegriff dazu, die "geplante Obsoleszenz", findet sich in zahlreichen wissenschaftlichen Veröffentlichungen. In der Wirtschaftswissenschaft wird unterschieden zwischen der technischen Obsoleszenz, bei der die Lebenszeit durch Ausfall eines Bauteils vorschnell endet, und der funktionellen Obsoleszenz, bei der eigentlich noch funktionsfähige Geräte nicht mehr genutzt werden können, da neue Anforderungen das verhindern - etwa eine neue Software, die der "alte" Rechner nicht mehr bewältigt. Außerdem gibt es noch die psychische Obsoleszenz, die eintritt, wenn ein Gerät nicht mehr der aktuellen Mode entspricht. In ihrem Geburtsland, der USA, wurde geplante Obsoleszenz gar als Strategie gegen die Große Depression der 30er-Jahre diskutiert. Wichtiger für den Siegeszug speziell der psychischen Obsoleszenz war die Autoindustrie der USA: Der General-Motors-Designer Harley Earl führte die Idee des jährlichen Modellwechsels ein. Der regelmäßige Wechsel von Modellen, nur weil sie aus der Mode waren, setzte sich weltweit durch.

"Eingebaute Obsoleszenz ist bei elektronischen Gütern absolut geplant und in gewissem Sinne auch notwendig: Die hohen Investitionskosten für die Entwicklung der Produkte müssen über neuen Konsum wieder hereingeholt werden."

Lucia Reisch, Wirtschaftsprofessorin Copenhagen Business School, Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung der Bundesregierung

Sammelklage gegen Apple wegen Obsoleszenz-Vorwürfen

2003 sah sich der Apple-Konzern einer Sammelklage ausgesetzt. Aus Unternehmens-Unterlagen gehe hervor, dass der nicht austauschbare Akku des Mp3-Players absichtlich so konzipiert sei, dass er nicht lange hält, sagte die Kläger-Anwältin Elisabeth Pritzker. Apple stimmte schließlich einem millionenschweren Vergleich zu. Doch bis heute sind Internet-Foren voll mit Klagen über kurzlebige iPods. Der fränkische Bastler Markus Weiher hat zahlreiche iPods aufgeschraubt und behauptet, bei vielen Geräten sei das Todesdatum mit eingebaut. Apple widerspricht derartiger Kritik mit nur einem Satz: Der Konzern plane keinerlei Obsoleszenz seiner Produkte. Die Beweislage ist schwierig

Tatsächlich ist technische Obsoleszenz schwer zu beweisen. Belegt ist der Fall des "Phoebus-Kartells" in den 20er-Jahren. Der Zusammenschluss weltweit führender Glühbirnen-Hersteller setzte damals durch, dass ihre Birnen künftig nur noch 1000 Stunden - und damit halb so lange wie zuvor - halten. Doch können Firmen bei den heute komplexen elektronischen Geräten die Lebensdauer kalkulieren? Ja, sagt Olaf Wittler vom Fraunhofer Institut für Zuverlässigkeit und Materialforschung. Wittler und seine Kollegen testen und berechnen die Lebensdauer von Bauteilen oder ganzen elektronischen Geräten. Bei Handys werde etwa das Herunterfallen in einem Fall-Tester hundert oder tausend Mal simuliert - je nach Vorgabe der Firma.

Buchtipps

  • Giles Slade: Made to Break. Technology and Obsolescence in America, Harvard University Press, Cambridge/London 2007 Giles Slade erzählt die Geschichte der geplanten Obsoleszenz in den USA und wie diese zum Motor der Wachstums- und Konsumgesellschaft wurde
  • Jürgen Reuß/Cosima Dannoritzer: Kaufen für die Müllhalde. Das Prinzip der geplanten Obsoleszenz, Orange Press, Freiburg 2012 Buch zum gleichnamigen Dokumentarfilm von Cosima Dannoritzer mit historischen und aktuellen Beispielen der geplanten Obsoleszenz

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