Blackout-Szenarien Sind wir für den Stromausfall gerüstet?
Ein Stromausfall trifft die Achillesferse unserer Zivilisation: Krankenhäuser, Wasserwerke, Telefonnetze - sie alle brauchen Strom. Doch Forscher warnen: Auf lange, großflächige Blackouts ist Deutschland nicht gut vorbereitet.
Dachau im August 2011- plötzlich ist für zwei Stunden der Strom weg. Die Notstromaggregate des Krankenhauses springen an, ein paar Leute sitzen in Aufzügen und im Riesenrad auf dem Volksfest fest, Ampeln fallen aus, aber niemand kommt zu Schaden. Ungemütlicher war es im Januar 2007 in den Orten, in denen nach dem Orkan „Kyrill“ der Strom ausfiel - bis zu zwölf Stunden in Bayern, bis zu zwei Tage in Thüringen.
Notfallpläne auf dem Prüfstand
Doch was wäre, wenn der Strom noch länger ausfiele und zwar großräumig, gleich in mehreren Bundesländern? Diese Frage stellte der Innenausschuss des Bundestages 2009 dem Büro für Technikfolgenabschätzung (TAB). Das TAB ist eine selbständige wissenschaftliche Einrichtung, die den Deutschen Bundestag in Fragen des wissenschaftlich-technischen Wandels berät. Mit einem realistischen Szenario sollten die bestehenden Notfallpläne einer Prüfung unterzogen werden.
Die Antwort kam im Mai dieses Jahres - mitten in der Debatte über den Atomausstieg: „Gefährdung und Verletzbarkeit moderner Gesellschaften am Beispiel eines großräumigen und langandauernden Ausfalls der Stromversorgung“. Nüchtern beschreiben die Wissenschaftler auf 130 Seiten, wie unser gewohntes Leben Schritt für Schritt aus den Fugen gerät.
"Wir müssen das Bewusstsein dafür stärken, auf welcher Basis unsere Gesellschaft eigentlich funktioniert, wie sehr wir auf Technik angewiesen sind."
Prof. Armin Grunwald, Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag
Engpass nach vier Tagen
Auch in Bayern stehen bei einem Stromausfall natürlich Feuerwehr und Technisches Hilfswerk mit Notstromaggregaten bereit, doch damit allein ließe sich die Infrastruktur langfristig nicht aufrechterhalten. Heizungspumpen, Telefone, Supermärkte, Tankstellen, Banken, Apotheken, Wasserwerke, Landwirte, Bäckereien, Züge - sie alle brauchen Strom; und die Liste ließe sich noch lange fortsetzen. Spätestens nach vier Tagen wird bei einem großräumigen Stromausfall die Lage prekär: Es fehlt an Diesel für die Notstrom-Aggregate, an Nahrungsmitteln und Wasser; die Telekommunikation ist verstummt. Nur die Satellitentelefone funktionieren noch. Und die Krankenhäuser sind überlastet, weil sie, bei eingeschränkten Kapazitäten, auch die Patienten aus Pflegeheimen mit versorgen müssen.
"Die Studie hat gezeigt, dass es in manchen Situationen schon nach wenigen Tagen zu ernsthaften Problemen kommen kann. Wir müssen daher schauen: Wo sind besonders verletzliche Infrastrukturen, besonders schlechte Vorkehrungen, um dort nachzuarbeiten."
Prof. Armin Grunwald, Leiter des Büros für Technikfolgenabschätzung beim Deutschen Bundestag
Energieversorgung im Umbruch
Bisher waren Stromausfälle in Deutschland selten, und meist auf Unwetter zurückzuführen. Doch unsere Stromnetze stehen durch den Wandel in der Energieversorgung vor einem großen Umbau: Neue Leitungen und neue Regelungstechnik werden gebraucht, um trotz schwankender Produktion von Wind- und Sonnenstrom eine konstante Versorgung zu garantieren. Stromausfälle sind deshalb wahrscheinlicher als vor diesem Wandel. Dass gleich mehrere Bundesländer eine Woche oder länger ohne Strom auskommen müssen, ist zwar nicht zu erwarten, aber massive Probleme würden auch schon nach wenigen Tagen in einem kleineren Gebiet auftreten. Und die Studie des Büros für Technikfolgenabschätzung zeigt, dass wir auf so eine Situation nicht gut vorbereitet sind.
"Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu Ausfällen kommt, wird zunehmen. Ich bin allerdings der Meinung, dass diese Herausforderungen beherrschbar sind. Dazu werden wir die Anstrengungen in Forschung und Entwicklung steigern müssen oder sie wenigstens so hoch halten, wie sie derzeit sind."
Prof. Rolf Witzmann, Fachbereich Elektrische Energieversorgungsnetze, TU München

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