Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Buchstaben verwechseln Neues aus der Legasthenie-Forschung

Schon lange ist man den Ursachen der sogenannten Lese-Rechtschreib-Schwäche auf der Spur. Sobald das genaue Zusammenspiel von Genetik, Hirnfunktion und Umwelteinflüssen entschlüsselt ist, kann es effektive Therapieansätze geben.

Autor: Klaus-Dieter Schuster / Redaktion: Annette Maier Stand: 12.01.2012

Viele Schüler verwechseln Buchstaben und Silben, wenn sie in der Schule lesen oder schreiben sollen. Sie leiden an einer Lese-Rechtschreib-Störung, obwohl sie eine normale bis hohe Intelligenz haben. Weltweit sind etwa vier bis acht Prozent der Bevölkerung davon betroffen. Obwohl Legasthenie schon lange bekannt ist, sucht die Wissenschaft immer noch nach den Ursachen. Tim, 16 Jahre alt, besucht die elfte Klasse eines Gymnasiums. Er leidet an einer Lese-Rechtschreib-Schwäche.

"Besonders schlimm sind Stressmomente, also Tests. Oder wenn ich vor der ganzen Klasse an der Tafel etwas schreiben muss. Dann habe ich sozusagen ein Blackout und mache viele lächerliche Fehler, die ganz doof erscheinen, wenn ich mich beruhigt habe."

Tim, 16 Jahre, leidet unter Lese-Rechtschreib-Schwäche

Genforschung spielt große Rolle

Irgendwas stimmt hier nicht, oder?

Das Lesen- und Schreibenlernen ist ein komplexer Vorgang, bei dem viele Funktionen beteiligt sind: Sehen, Hören, Motorik und Gedächtnis. Die Wissenschaft hat zwar bereits viele Erklärungen für die Störung, sich aber bisher noch nicht auf eine "eindeutige" Antwort verständigen können. In einem sind die Forscher sich jedoch einig: Die Störung kann nicht durch eine verzögerte Entwicklung kognitiver Fähigkeiten oder mangelnde Intelligenz erklärt werden. Dagegen spielen genetische Ursachen auf jeden Fall eine wesentliche Rolle. Das zeigen neue Forschungsergebnisse immer deutlicher.

"Die Genetik ist von daher so entscheidend, weil sie tatsächlich als einzige Methode zur Zeit in der Lage ist, kausale Modelle zu überprüfen. Man hat sehr viel Geld investiert, um genetische Ursachen zu identifizieren."

Professor Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, LMU München

Trotz intensiver Förderung können die meisten Kinder ihre Lese- und Rechtschreibleistung nur geringfügig verbessern. So versuchen die Forscher herauszufinden, was im Gehirn von Legasthenikern vor sich geht, und was dort während einer Therapie passiert. Eins haben sie in den letzten Jahren mit Hilfe von bildgebenden Verfahren nachgewiesen: Manche Prozesse laufen im Gehirn von Legasthenikern anders ab, als bei Menschen, die normal lesen und schreiben können. Aber: Die Ursache für diese Unterschiede konnten die Forscher bisher noch nicht finden - genau das wäre die Voraussetzung für eine bessere Behandlung.

"Ziel ist herauszubekommen, was die genaue biologische Ursache für die Legasthenie ist. Wenn ich verstehe, was die genetische Ursache ist, und was im Gehirn abläuft, dann habe ich die besten Voraussetzungen, um mit diesem Wissen die optimale Betreuung und Therapie von Kindern mit Legasthenie zu entwickeln."

Professor Tiemo-Grimm Institut für Humangenetik, Universität Würzburg

Auf der Suche nach Kandidaten-Genen

Wahrscheinlich werden die Veränderungen im Gehirn durch eine gestörte Wanderung von Neuronen verursacht, möglicherweise als Folge von Genveränderungen, die sich schon im embryonalen Zustand auswirken. Genforscher vermuten, dass diese veränderten Gene, die sogenannten Kandidaten-Gene, die Krankheit auslösen könnten.

"Es gibt mittlerweile eine Reihe von sogenannten Kandidaten-Genen, deren Funktion auch im Tiermodell untersucht wurde. Es fällt auf, dass eine gewisse Form dieses Gens vorliegt bei denjenigen, die später eine Lernstörung entwickeln."

Professor Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, LMU München

Alle Gene, die für Legasthenie verantwortlich zu sein scheinen, haben eine funktionale Bedeutung in der frühen Hirnentwicklung. Im Herbst 2009 fanden Forscher um Prof. Gerd Schulte-Körne erstmals ein Gen, das die Regulation eines Glukose-Transporters im Gehirn steuert und die Sprachverarbeitung bei Kindern mit Legasthenie beeinflusst. Für den Forscher ist das ein Durchbruch.

"Das ist weltweit der erste Befund, der zeigt, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen einer spezifischen genetischen Information und einer Hirnfunktion, die hoch relevant ist für das Lesen- und Schreibenlernen."

Professor Gerd Schulte-Körne, Direktor der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, LMU München

Diese Entdeckung ist für neue Therapieansätze sehr wichtig. Denn wenn die Forschungsergebnisse stimmen, kann man davon ausgehen, dass ein frühes Sprachtraining bei Kindern mit diesem Gendefekt sehr wirksam ist. Die Forschungsgruppe untersucht jetzt in weiteren Studien, ob anhand biologischer Marker Kinder mit Legasthenie bereits früher erkannt werden können.

Buch-Tipps

  • Klicpera, Schabmann, Gasteiger-Klicpera: Legasthenie LRS - Modelle, Diagnose, Therapie und Förderung. Reinhardt Verlag, München 2010
  • Schulte-Körne, Gerd: Diagnostik und Therapie der Lese-Rechtschreib-Störung. In: Deutsches Ärzteblatt, Heft 41, Oktober 2010
  • Rückert, Kunze, Schillert, Schulte-Körne: Elterntraining - Prävention von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten. In: Kindheit und Entwicklung, Heft 2/2010
  • Roeske et al.: First genom-wide association scan on neurophysological endophenotypes points to trans-regulation effects 0n SLC2A3 in dyslexic children. In: Molecular Psychiatrie, 11/2009