Klangmagie und Gänsehaut Warum uns Musik im Innersten berührt
Eine wiegende Melodie zu Streicherklang und die Tränen fließen. Ein paar schmetternde Fanfaren und die Stimmung steigt. Musik spielt auf der Klaviatur unserer Gefühle, macht traurig, fröhlich, siegesgewiss. Bei der Frage nach den Gründen, sprechen selbst Forscher von einem Rätsel. Doch sie verfolgen aufschlussreiche Spuren.
Widerhall aus grauer Vorzeit
Der Sinn für Musik, die Fähigkeit sich von Klängen berühren zu lassen, ist im Menschen tief verankert. Denn der Hörsinn funktioniert als eine Art Alarmanlage: Angreifer oder harmloses Umgebungsgeräusch? Das war schon für die frühen Menschen beim Knacken eines Astes die entscheidende Frage. Sobald ein Geräusch oder ein Ton das Ohr erreicht, springt deswegen das gesamte System der Informationsverarbeitung im Gehirn an. Akustische Reize werden viel schneller verarbeitet als visuelle Eindrücke.
Doch nicht nur um die Funktion des Hörsinns zu verstehen blicken Musikforscher in die Evolutionsgeschichte. Sie suchen auch nach den Ursprüngen der Musik - und vermuten, dass Musik den Menschen einen klaren Evolutionsvorteil brachte: Beim Singen und Tanzen trainierten schon die frühen Menschen ihre sozialen Fähigkeiten, übten Abstimmungs- und Koordinationsprozesse - eine Voraussetzung, um komplexe soziale Gemeinschaften zu formen.
"Wir sind ja die einzige Spezies, die außer der Sprache ein zweites Kommunikationssystem hat, auf lautlicher Basis, und das ist die Musik."
Prof. Reinhard Kopiez, Hochschule für Musik,Theater und Medien Hannover
Gänsehaut und Neuronales Schattenboxen
Musik versteht es, das Gehirn umfassend zu aktivieren. Selbst wenn wir nicht selber musizieren sondern Musik nur passiv hören, arbeiten Hörkortex und Sprachzentrum, Kurz- und Langzeitgedächtnis auf Hochtouren. Sogar das Bewegungszentrum ist aktiv: Es tut nämlich so, als würden wir selber mitmusizieren, spielt sozusagen "Neuronales Schattenboxen" am imaginierten Klavier oder mit der eigenen Stimme. Das Gehirn macht aus Musik immer ein umfassendes Erlebnis. Dabei tritt auch das sogenannte limbische System in Aktion, das heißt das Belohnungszentrum: Es schüttet Glückshormone aus, wenn Musik als angenehm oder befriedigend wahrgenommen wird. Und so werden ähnliche Prozesse in Gang gesetzt wie beim Schokolade-Essen oder beim Sex.
"Wenn wir Musik hören und mehr noch, wenn wir Musik machen, dann praktizieren wir Funktionen, die für die Evolution der Spezies Mensch enorme Vorteile gebracht haben: Es kann die Koordination innerhalb einer Gruppe steigern, und auch die soziale Koordination, was will der andere mir gerade mitteilen dadurch, wie er gerade spielt, wie fühlt er sich gerade. Diese Funktionen haben uns in Evolution enorme Vorteile gebracht … Und das Praktizieren dieser Funktionen erleben wir wahrscheinlich auch deswegen als angenehm, als schön, als glücklich machend."
Prof. Stefan Koelsch, Freie Universität Berlin
Emotionen auf Wunsch
Buch-Tipps:
Manfred Spitzer: Musik im Kopf, Stuttgart 2002
Oliver Sacks: Der einarmige Pianist, Reinbeck 2008
Wenn Musik zu Tränen rührt, dann wirken verschiedene Mechanismen gemeinsam. Denn Musik verfügt über viele differenzierte Mittel, um Gefühlszustände nachzuahmen: Traurigkeit zum Beispiel, indem sie den Sprachduktus eines Trauernden nachzeichnet, oder Wut, indem sie die heftigen Bewegungen einer erregten Person in Klänge umsetzt. Verstärkt wird diese Wirkung meist noch durch Erinnerungen, die wir mit bestimmten Melodien oder Klängen verbinden.
Zu bewegenden Musik-Erlebnissen gehört aber noch mehr: Weil Musik sich in einer zeitlichen Dimension entwickelt, treibt sie ein gekonntes Spiel mit Hörerwartungen: Treibt der Sänger seine Stimme immer weiter in die Höhe oder fällt er endlich in die erlösende Mittellage? Musik sorgt ständig für Überraschungen, für Momente der Enttäuschung und der Erfüllung. So wirkt sie als regelrechtes Genussmittel - und liefert in den besten Momente die sprichwörtliche Gänsehaut.

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