Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Intersexualität Einfach anders oder behandlungsbedürftig?

Die meisten Eltern sind überfordert, wenn sie erfahren, dass ihr Kind zwei Geschlechter hat. Das Wichtigste im Umgang mit intersexuellen Kindern ist, sie so zu nehmen, wie sie sind. Und genau abzuwägen, ob und welche Therapie das Kind bekommen soll.

Von: Andrea Heinze / Redaktion: Susanne Poelchau Stand: 23.02.2012

Menschen sind intersexuell, wenn sie Merkmale von beiden Geschlechtern haben: Das äußere Geschlecht stimmt nicht mit dem inneren überein oder weicht vom Chromosomensatz XX beziehungsweise XY ab.

Mikropenis oder vergrößerte Klitoris

Viele Intersexuelle haben einen Mikropenis oder eine vergrößerte Vagina. Die Klitoris kann so groß sein, dass sie wie ein kleiner Penis mitten aus der Scheide wächst. Das ist möglich, weil die Geschlechtsorgane jedes Menschen nach der Befruchtung noch nicht festgelegt sind. Erst wenn der Körper des Embryos Testosteron produziert, wächst ein Penis. Wird kein Testosteron produziert, bildet sich eine Vagina.

Fließender Übergang zwischen männlich und weiblich

Manche Formen der Intersexualität müssen behandelt werden. Dazu zählt vor allem das sogenannte Adrenogenitale Syndrom, kurz AGS, das mit Abstand am häufigsten vorkommt. Bei dieser Krankheit ist oft auch der Salzhaushalt des Körpers gestört und der Säugling kann plötzlich sterben. Viele andere Intersexuelle sind dagegen gesund. Insgesamt leben schätzungsweise 80.000 bis 100.000 Intersexuelle in Deutschland. Von einem dritten Geschlecht kann man aber nicht sprechen: Intersexuelle Menschen entwickeln sich sehr unterschiedlich. Der Unterschied von Männern zu Frauen ist fließend.

"Ich denke, es ist wichtig, dass man Patienten über alles genau aufklärt: Dass durch die Behandlungsmaßnahmen vielleicht die Lust auf Geschlechtsverkehr beeinträchtigt ist. Dass die Orgasmusfähigkeit beeinträchtigt sein kann. Dass der ganze Körperbau, also nicht nur die Geschlechtsteile, unter Umständen männliche Züge tragen."

Herta Richter-Appelt, Psychologin Hamburg

Schmerzhafte chirurgische Eingriffe

Ärzte eröffnen Eltern oft die Möglichkeit, den Körper des Kindes an ein Geschlecht anzugleichen - also operativ eine Vagina oder einen Penis herzustellen und innere Sexualorgane zu entfernen. Das soll die Kinder vor Hänseleien schützen. In Deutschland werden fast alle intersexuellen Kinder operiert. Allerdings bleibt es oft nicht bei einer Operation, viele der kleinen Patienten haben schmerzhafte Nebenwirkungen. Und wenn eine Vagina gebaut wird, muss die immer wieder geweitet werden.

"Kinder finden immer Dinge, mit denen sie andere Kinder hänseln können, selbst wenn überhaupt kein Grund vorhanden ist. Und ich glaube, davor man kann sein Kind nicht zu 100 Prozent schützen. Man kann sein Kind aber so weit zu stärken, dass es genug Selbstvertrauen hat. Dass es sich davon nicht allzu sehr beeindrucken lässt. Dass es sich nicht kleiner fühlt deswegen."

Andrea Wilhelm, Mutter

Protest gegen Operationen

Viele erwachsene Intersexuelle protestieren gegen Geschlechtsangleichungen bei Kindern, weil die Behandlungen oft traumatisierend wirken. Sie fordern, dass sie als normale Menschen akzeptiert werden. Und dass plastische Operationen nur erlaubt sind, wenn das Kind diese selber will. Inzwischen hat sich vieles bei der Behandlung von Intersexuellen verbessert. Zum Beispiel gehörte es früher zum Behandlungskonzept, die Intersexualität der Patienten zu verschleiern. Diese Stigmatisierung verunsicherte. Heute wird dagegen schon kleinen Kindern erklärt, warum welche Behandlung gemacht wird.

"Die Konsequenzen nach der Kastration ist der Verlust meiner Libido. Ich habe eine Blutarmut entwickelt, weil rote Blutkörperchen unter anderem auch in der Wirbelsäule gebildet werden. Wenn dort das Testosteron nicht mehr ankommt, ist weniger Sauerstoff im Körper, und ich hatte sehr starke Konzentrationsprobleme. Ich habe ständig an Gewicht zugenommen, weil mein Körper immer versucht hat, Fettgewebe aufzubauen, um Testosteron freizusetzen. Das ist das Produkt meiner Kastration."

Lucie Veit, Intersexuelle

Identität zwischen Frau und Mann

Ein weiterer Grund, warum es besser sein kann, mit plastischen Operationen zu warten, bis das Kind selbst entscheiden kann: Nicht alle Intersexuellen sind glücklich mit dem zugewiesenen Geschlecht.

"Es ist wichtig, dass man Kinder nicht zu sehr zwingt, wenn sie intersexuell sind, dass sie trotzdem ganz unauffällig männlich oder weiblich sein sollen. Ich denke, eine Mutter, die kein intersexuelles Kind hat, die denkt überhaupt nicht drüber nach, wenn dieses Kind auf den Baum klettert. Eine Mutter mit intersexuellem Kind wird wahrscheinlich ganz schnell reagieren: Ach, jetzt klettert er auf dem Baum, weil er vielleicht doch ein Junge ist."

Herta Richter-Appelt, Psychologin Hamburg

Bis heute weiß man nicht genau, wie es dazu kommt, dass sich Menschen einem Geschlecht zuordnen. Wahrscheinlich hat das mit der Wirkung der Hormone auf das Gehirn zu tun. Bei Intersexuellen kann die Wirkung der Hormone auf das Hirn anders sein als deren Wirkung auf die Geschlechtsteile. Das heißt: Intersexuelle können einen Penis haben und sich wie eine Frau fühlen - oder zwischen Frau und Mann.

Literatur-Tipps

  • Jeffrey Eugenides: Middlesex, rororo 2004. Roman über einen intersexuellen Diplomaten, der mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde.
  • Christiane Völling: Ich war Mann und Frau. Mein Leben als Intersexuelle, Fackelträger 2010. Eine sehr berührende Lebensgeschichte einer Intersexuellen. Über ihr Ringen um Identität und die - schließlich erfolgreiche - Klage gegen den Arzt, der ohne Rücksprache entschieden hat, dass sie als Mann leben soll und die gesunden Eierstöcke entfernt hat.
  • Angela Kolbe: Intersexualität, Zweigeschlechtlichkeit und Verfassungsrecht. Eine interdisziplinäre Untersuchung, Nomos Verlag 2010. Kolber diskutiert, warum viele Operationen an Intersexuellen gegen das Recht auf körperliche Unversehrtheit verstoßen. Sie gibt einen historischen Überblick über den gesellschaftlichen und juristischen Umgang mit Intersexuellen und klärt über biologische und medizinische Hintergründe zur Intersexualität auf.
  • DVD: XXY, Argentinischer Film von Lucía Puenzo über ein intersexuelles Mädchen, dessen Konflikt mit der Umwelt und dem Wunsch, so sein zu dürfen, wie sie geboren wurde, 2009
  • Tintenfischalarm, Österreichischer Dokumentarfilm über einen 26-jährigen Intersexuellen, der als Mädchen aufwuchs und damit nicht klar gekommen ist. 2007 auf DVD

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