Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Todesfalle Krankenhaus Der mühsame Kampf gegen Krankenhauskeime

Manche kommen wegen einer harmlosen Knieoperation ins Krankenhaus, andere werden gegen Krebs behandelt - bis sie plötzlich einen viel bedrohlicheren Feind im Körper haben. Jedes Jahr stecken sich rund 600.000 Patienten in deutschen Krankenhäusern mit gefährlichen Keimen an. Viele sterben daran.

Autor: Anne Kleinknecht / Redaktion: Jeanne Turczynski Stand: 21.12.2011

37 Jahre lang hat Werner Meyer als Chefreporter der Münchner Abendzeitung von den Krisenherden der Welt berichtet. 2006 stürzte er die Treppe hinunter und quetschte sich die Nervenbahn der Wirbelsäule. Schon wenige Tage nachdem der Reporter in die Klinik eingeliefert worden war, durfte ihn seine Familie nur noch in Schutzkleidung besuchen. Meyer hatte sich mit einem gefährlichen Krankenhauskeim infiziert, dem Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus, MRSA. Er litt zwei Jahre lang an Infektionen, halluzinierte, bis er schließlich im Februar 2008 daran starb.

Die unsichtbare Gefahr

Hygiene ist das A und O

Werner Meyer ist kein Einzelfall. Immer wieder kommen Patienten wegen einer harmlosen Operation ins Krankenhaus und stecken sich dort mit einem tödlichen Keim an. Besonders gefährdet sind schwer Kranke oder Menschen mit einem schwachen Immunsystem. Wie zum Beispiel frühgeborene Babys. 2011 sind allein in einer Bremer Klinik drei Säuglinge an einem gefährlichen Darm-Keim gestorben. Auch in Passau starb ein Frühgeborenes in der Klinik an einem multiresistenten Erreger. Das Robert-Koch-Institut schätzt, dass sich jedes Jahr fünf Prozent der Krankenhauspatienten mit einem Keim infizieren. Die Folge sind Lungenentzündungen, Wundinfektionen oder Blutvergiftungen, die bei rund 40.000 Patienten zum Tod führen. Viele Entzündungen wären vermeidbar, wenn das Krankenhauspersonal mehr auf  Hygiene setzen würde. Doch das ist einfacher gesagt als getan:

"Wenn man als Chirurg versehentlich ein Gefäß durchtrennt, spritzt das Blut in alle Richtungen. Man sieht sofort: Fehler gemacht. Bei der Hygiene ist das anders: Man macht einen Fehler und alles ist noch bestens und drei Tage später erkrankt der Patient ganz schwer. Häufig bringen die Menschen das mit ihrer Handlung nicht mehr in Zusammenhang."

Dr. Klaus-Dieter Zastrow von der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene

Infektionsschutzgesetz

Die Kommission für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention am Robert-Koch-Institut arbeitet zwar schon seit Jahren Richtlinien zur Hygiene an Krankenhäusern aus. Verpflichtend sind diese Regeln aber erst seit Juli 2011. Zu dem Zeitpunkt ist das überarbeitete Infektionsschutzgesetz in Kraft getreten. Es sieht unter anderem vor, dass die Klinik-Leiter die Hygiene-Regeln in den Krankenhäusern umsetzen müssen. Auch die Bundesländer müssen künftig ihren Beitrag leisten: Sie sollen bis März 2012 eigene Krankenhaushygieneverordnungen erlassen.

Antibiotika-Resistenzen nehmen zu

Auch in der Kantine muss gewissenhaft gearbeitet werden

Doch Hygiene-Regeln allein lösen nur einen Teil des Problems. Der umsichtige Umgang mit Antibiotika ist mindestens genauso wichtig. Die Deutsche Gesellschaft für Krankenhaushygiene schätzt, dass sich mittlerweile jedes dritte Bakterium nicht mehr durch herkömmliche Antibiotika beeindrucken lässt. Antibiotika-Resistenzen entstehen zum Beispiel, weil Ärzte zu lange Breitband-Antibiotika einsetzen. Dadurch töten sie viele Bakterien, erhöhen aber gleichzeitig das Risiko dafür, dass einige resistente Erreger überleben und sich vermehren.

Niederländer haben Respekt vor Wunderwaffen

In den Niederlanden gehen die Ärzte respektvoll mit Antibiotika um. Im Zweifel lassen sie sich von einem Mikrobiologen beraten, der ihnen sagt, wann die Wunderwaffen Sinn ergeben und wann nicht. Die Tatsache, dass an niederländischen Kliniken viel mehr Mikrobiologen arbeiten als in Deutschland, gehört zum Erfolgsrezept im Kampf gegen die Erreger. Das Land hat Krankenhausinfektionen und multiresistente Keime im Griff – auch dank strikter Hygienemaßnahmen.

Von den Nachbarn lernen

Um von den Niederländern zu lernen, haben sich deutsche Hygieniker aus dem Münsterland vor einigen Jahren mit Experten aus der niederländischen Region Twente zusammengetan.

Ziel des Projektes "MRSA-net Twente/Münsterland" ist es, die Infektionsraten auf deutscher Seite deutlich zu senken und niederländischen Patienten die Möglichkeit zu geben, sich im Münsterland behandeln zu lassen. Seit sich beide Regionen auf gemeinsame Standards geeinigt haben funktioniert das Netzwerk: Labore tauschen Daten über gefährliche Erreger aus, niedergelassene Ärzte können sich bei einer Hotline über die Behandlung von Infektionen informieren und Krankenhäuser, die gewisse Hygienestandards umsetzen, erhalten ein Qualitätssiegel. Zahlreiche Erfahrungen aus dem Netzwerk sind im Sommer 2011 in das überarbeitete deutsche Infektionsschutzgesetz geflossen.