Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Aus Behandlungsfehlern lernen Neue Sicherheitskultur in Krankenhaus und Praxis

Etwa eine Million Patienten sind jährlich in Deutschland von Behandlungsfehlern betroffen - die meisten im Krankenhaus. Ursache sind meist Defizite in Arbeitsabläufen und Kommunikation, sowie die Verwechslungen von Medikamenten.

Autor: Eva Schindele / Redaktion: Jeanne Turczynski Stand: 22.02.2012

Die Medizin hatte lange Zeit das Image, unfehlbar zu sein. Die Folge: Behandlungsfehler wurden systematisch vertuscht und totgeschwiegen - zum Schaden der Patienten. Prominente Chirurgen brachen als erste Berufsgruppe das Tabu und berichteten von Fehlern, die ihnen bei Operationen unterlaufen sind. Das war 2005. Andere medizinische Berufsgruppen folgten. Dieses Zugeben von Fehlern war der erste Schritt zu mehr Sicherheit im Gesundheitswesen.

"Wir benötigen eine lernende Sicherheitskultur, in der wir Fehler als Schatz nutzen, um sie so zukünftig zu vermeiden."

Allgemeinmediziner Ferdinand Gerlach, Professor an der Uni Frankfurt

Mehr Sicherheit im OP-Saal

Der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK) begutachtet bundesweit jährlich mehrere Tausend Behandlungsfehler, die in Krankenhäusern passiert sind. Das sei nur die Spitze des Eisbergs, sagt Martin Dutschek vom MDK Niedersachsen. Dutschek will mit seinem Modellprojekt, die Sicherheitskultur in den Kliniken verbessern und sich dafür die ausgefeilten Strategien in der zivilen Luftfahrt zu nutze machen.

Mit im Boot: das kommunale Nordstadtkrankenhaus in Hannover. Dort haben ein Mediziner und ein Pilot die Sicherheitslücken im Klinikalltag analysiert und gemeinsam mit den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Lösungsmöglichkeiten erarbeitet. Vor allem die Schnittstellen - zum Beispiel zwischen Station und Operationssaal - seien Schwachstellen, so Chefarzt Jörg Isenberg, der die Unfallchirurgie und Orthopädie leitet: "Es gibt jetzt OP-Transferlisten, die den Patienten von der Station zum OP und dann in den Aufwachraum begleiten. Und eine Auszeit vor und nach jeder Operation." Diese Auszeit ist ein kurzes Innehalten des Operationsteams vor dem ersten Schnitt. Gemeinsam werden noch einmal der Name des Patienten und die Art des Eingriffs gecheckt, ebenso ob er unter Arzneimittelallergien leidet oder einen Herzschrittmacher hat.

"Viele Fehler sind auf menschliches Versagen, strukturelle Probleme im Arbeitsablauf und auf unzureichende Zusammenarbeit im Team zurückzuführen."

Martin Dutschek, MDK Niedersachsen

Bessere Zusammenarbeit im Team

Innehalten vor dem ersten Schnitt

In der Berliner Charité werden kritische Zwischenfälle, die zum Beispiel in der Notaufnahme oder auf der Intensivstation passieren, regelmäßig auf einer Konferenz besprochen. Moderiert werden sie nicht nur wie üblich von Medizinern, sondern auch von Pflegekräften. Die Mitarbeiter können Fehler auch in einem internen Fehlerberichtssystem melden. Solche Computerprogramme gibt es inzwischen in vielen Krankenhäusern, aber auch zentral. Beispiel ist das bundesweite CIRS-Netz, in dem Mitarbeiter anonym über Fehler oder Beinahe-Fehler berichten können. "Das hilft uns, Fehlerquellen frühzeitig zu identifizieren," sagt Pflegedirektorin Hedwig Francois-Kettner, die auch Vorsitzende des "Aktionsbündnisses Patientensicherheit" ist und das Fehlerberichtssystem mit initiiert hat.

Fehlerquelle - Verwechslung von Medikamenten

So wird immer wieder berichtet, dass Medikamenten - zum Beispiel aufgrund ähnlicher Verpackungen - verwechselt werden - dann wird zum Beispiel bei einer Narkose statt dem Schmerzmittel ein Mittel gegen Bluthochdruck verabreicht. Beide trugen ein rotweißes Etikett. Oder die Medikamentennamen klingen ähnlich, zum Beispiel das Schmerzmittel Metamizol und das Antibiotikum Metronidazol, das gegen Parasiten helfen soll. Im stressreichen Krankenhausbetrieb kann man eine solche Verordnung leicht missverstehen. Deshalb versucht das "Aktionsbündnis Patientensicherheit" auch, auf die Pharmahersteller einzuwirken, damit Produktnamen und Etiketten entsprechend verändert werden.

"Eine Sicherheitskultur kann nicht nur von Oben verordnet werden, auch wenn die Initiative von der Leitungsebene ausgehen muss. Alle Berufsgruppen müssen mit ins Boot geholt werden."

Hedwig Francois-Kettner, Pflegedirektorin der Berliner Uniklinik Charité

Sicherheitskultur noch in den Anfängen

In Deutschland steckt die Patientensicherheit noch in den Kinderschuhen. Laut Krankenhausbarometer hatten 2008 nur 40 Prozent der Krankenhäuser ein Risiko- und Fehlermanagement. Dabei zeigen Studien, dass sich Investitionen in die Patientensicherheit lohnen und die Zahl der Behandlungsfehler sinkt.