Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Orientierung bei blinden Menschen Wenn das Echo den Weg weist

Wie kann man sich orientieren, wenn man blind ist? Für blinde Menschen ist das Normalität. Manche von ihnen verwenden dabei eine Technik, die verblüffend an die Art und Weise erinnert, wie sich Fledermäuse orientieren.

Von: Yvonne Maier / Redaktion: Gerda Kuhn Stand: 06.09.2012

Die Nürnberger Innenstadt: Dave Janischak ist unterwegs in der Fußgängerzone. Der 16-jährige Teenager ist seit seinem vierten Lebensjahr blind. Trotzdem hat er eine gute Vorstellung  von dem, was ihn umgibt:

"Ich höre, dass links so etwas wie Häuser sind. Dass hier viele Leute unterwegs sind, und dass rechts von mir, also auf der rechten Seite, auch Häuser sind, aber dazwischen noch eine größere Fläche frei ist, wie eine Straße oder so etwas."

Dave Janischak, Schüler

Typische Echomuster in der Umgebung

Während Dave Janischak durch die Innenstadt geht, schnalzt er mit der Zunge leise vor sich hin. Echoortung heißt diese Technik. Fledermäuse und Delfine orientieren sich auf dieselbe Weise. Mit dem Schnalzen sendet Dave Janischak Schallwellen aus. Diese werden von Häuserwänden, Autos und Laternenpfahlen zurückgeworfen.

Das funktioniert so wie ein Echo in den Bergen - nur viel leiser. Trotz des Trubels, der oft um ihn herrscht, kann Dave Janischak diese feinen Echos wahrnehmen. Sie signalisieren ihm: "Hier ist eine Wand" oder: "Hier steht ein Auto". In beiden Fällen liegt ein ganz charakteristisches Echomuster vor, das sich jeweils eindeutig einer Wand oder eben einem Auto zuordnen lässt.

Virtuelle akustische Fotos

Echoortung für Fledertiere

Lutz Wiegrebe ist Neurobiologe an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Eigentlich ist er Fledermausforscher. Wiegrebe interessiert sich auch für Echoortung bei Menschen. Dazu schickt er seine Studenten in einen virtuellen akustischen Raum. Der wird vorher mit einem akustischen Ohr-Dummy aufgenommen. Der Dummy sieht aus wie eine Schaufensterpuppe.

"Die Puppe sendet durch den Mund über einen kleinen Lautsprecher Laute aus und nimmt über Mikrofone in den Ohren die Reflexionen dieser Laute auf. Wir haben den so aufgebaut, dass der in Ohrhöhe ist und sich dann immer weiter dreht, neu den Raum beschallt, die Echos aufnimmt, sich weiter dreht, den Raum beschallt, die Echos aufnimmt, sich weiterdreht."

Lutz Wiegrebe, Neurobiologe, LMU, München

So entsteht ein virtuelles akustisches Foto, zum Beispiel von einem Gang. Lutz Wiegrebes Studenten werden dann mit Kopfhörer und Mikrofon ausgestattet und in einen schallarmen Raum gesetzt. Dort wird ihnen dieses akustische Foto des Gangs vorgespielt.  Durch Schnalzen sollen sie herausfinden, in welcher Position sie sich in Bezug auf diesen Gang befinden. Danach sollen sie sich in dem Raum so drehen, dass sie parallel zur Wand des virtuellen Raumes stehen und den Gang entlanggehen könnten.

Die Ergebnisse sind erstaunlich: Die Studenten können nach kurzem Training auf bis zu 30 Zentimeter genau "erschnalzen", wann die Wand kommt und richten sich ähnlich genau im Gang aus. Das bedeutet: Das Gehör spielt für die Raumwahrnehmung eine immense Rolle, auch bei Sehenden. Nur wird der Höreindruck vom Seheindruck oft überlagert.

Ergänzung zum Stock

Dave Janischak hat sich die Echoortung selbst beigebracht. Er ist mit vier Jahren erblindet und hat als Kleinkind herausgefunden, dass das Schnalzen ihm viele Informationen über seine Umgebung liefern kann.

"Die Echoortung bringt mir den Vorteil, dass ich auch etwas über Dinge erfahren kann, die außerhalb meiner Reichweite sind. Sowohl vom Stock aus als auch von meinen Händen her. Ich kann an die andere Straßenseite rüberschallen, ob da jetzt Häuser sind oder nicht. Ich kann schallen, ob rechts von mir Autos sind oder nicht. Ich kann erschallen, ob eine Einfahrt da ist oder nicht, ob eine Haustür in der Nähe ist, wie hoch das ist. Ich kann auch Dinge wahrnehmen, die noch weiter weg sind."

Dave Janischak, Schüler

Doch die Echoortung hat auch ihre Grenzen. Denn sie erfasst nur das, was im Gesichtsfeld liegt. Darum kombiniert Dave Janischak das Schnalzen mit dem Stock.

Andernfalls würde er über Hindernisse stolpern, gegen Poller laufen oder in Löcher stürzen. Alles unterhalb seines Mundes ist für ihn per Schnalzen unhörbar. Es sei denn er hält das Gesicht nach unten. Aber dann hört er wiederum nicht, was sich vor ihm befindet. Die Kombination von Schnalzen und Stock ermöglichen es Dave, sich relativ gut und sehr sicher in einer ihm unbekannten Umgebung zu orientieren. Und wenn er die Gegend kennt, dann fährt er auch mal gerne mit Inline-Skates herum.


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