Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Bewegungsstörungen bei Kindern Wenn Purzelbäume zum Problem werden

Immer mehr Kinder haben motorische Störungen: Sie können bestimmte Bewegungen nicht mehr ausführen - zum Beispiel Rückwärtsgehen oder Purzelbäume schlagen. Grund dafür ist auch unsere Lebensweise.

Von: Susanne Nessler / Redaktion: Gerda Kuhn Stand: 04.12.2012

Paul ist acht Jahre alt und geht in die dritte Klasse. Im Sportunterricht  kann er weder frei über einen Balken balancieren, noch schafft er einen Purzelbaum. Peter ist fünf Jahre alt, er soll nächstes Jahr eingeschult werden. Peter ist unruhig und stolpert häufig beim Laufen.Peter und Paul weisen motorische Defizite auf. Sie sind  keine Einzelfälle, sagt Ulrich Fegeler,  Kinderarzt in Berlin und Sprecher des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland:

"Wir gehen davon aus, dass viele Kinder heute motorisch mit etwa vier, fünf Jahren noch etwa 70 Prozent dessen können, was sie ihrer Entwicklung nach eigentlich können sollten, weil die entsprechende motorische Anregung fehlt."

Kinderarzt Ulrich Fegeler

Negativer Livestyle - ohne Bewegung keine gute Entwicklung

Springen, Hüpfen, Klettern und Laufen gehören heute nicht mehr automatisch zum Tagesprogramm von Kindern, beklagt der Arzt. Das hat Folgen, die verschiedene Untersuchungen belegen.

Im bundesweiten Gesundheitsbericht des Robert Koch Instituts steht, dass gravierende motorische Störungen bei mindestens drei Prozent der unter Siebenjährigen festzustellen sind. Eine große Untersuchung des Instituts für Frühpädagogik in München ergab doppelt so viele motorisch schlecht entwickelte Kinder. Andere Studien ermitteln bis zu 20 Prozent motorisch gestörter Kinder. Die Definition des Begriffs Motorik wurde in der Vergangenheit häufig unterschiedlich festgelegt. Wie verbreitet motorische Entwicklungsstörungen sind, ist deshalb Definitionssache, dass es sie gibt, dagegen nicht. 

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nur sehr schwer

Wer bestimmte Bewegungsabläufe in der Kindheit nicht lernt, läuft eher Gefahr, sich im  Alter schneller und häufiger zu verletzen, sagt der Sportwissenschaftler Brinkmann.

"Wenn man in bestimmten Entwicklungsstadien eine Reizsetzung verpasst, resultieren daraus später Schwierigkeiten. Wenn ich mich bis zum 12. Lebensjahr nicht mit Sport beschäftigt habe und im Bereich der Motorik die Nervenverbindungen nicht geschaffen habe, ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich im Alter stürz, sehr viel höher."

Sportwissenschaftler Heiner Brinkmann

Das motorische Gedächtnis bildet sich im Alter zwischen drei und zehn Jahren aus. Vielfalt in der Koordination ist in diesem Zeitraum deshalb enorm wichtig.

Die Psyche leidet mit

Störungen der motorischen Fähigkeiten engen den Bewegungs- und Handlungsspielraum von Kindern ein. Aber sie hemmen die Kinder meist auch in ihren sozialen Aktivitäten, beeinträchtigen ihr Selbstwertgefühl und ihr Selbstvertrauen und können so über das Bewegungsdefizit hinaus auch viele verschiedene Persönlichkeitsbereiche negativ beeinflussen, erklärt der Psychologe Heinz Krombholz. Er untersucht seit vielen Jahren die motorische Entwicklung von Vorschulkindern.

"Die motorische Geschicklichkeit spielt eine wichtige Rolle für die soziale Kompetenz. Ein Kind, dass immer wieder den Ball fallen lässt, ist kein geeigneter Spielpartner. Ein Kind, das nicht mitmachen kann, erleidet einen Einbruch seines Selbstwertgefühls."

Heinz Krombholz, Psychologe

Wenn gesunde Kinder mit bestimmten Bewegungsabläufen über einen längeren Zeitraum Probleme haben oder in vielen Bereichen ungeschickt sind, sollte man nachhaken.Wie sieht der Alltag dieser Kinder aus? Gibt es genug Möglichkeiten für Bewegung? Wie organisieren Eltern, Kindergärten und Schulen Bewegungsräume, in denen motorische Entwicklung stattfinden kann? 

"Heute werden Kinder bei normaler Anlage oft nicht ausreichend gefördert. Das ist ein Problem. Das gilt nicht nur für motorische Förderung, das gilt allgemein für die kognitive Förderung, es gilt auch für die sprachliche Förderung. Es sind  viele Facetten der gleichen Ursache."

Kinderarzt Ulrich Fegeler

Der Lebensraum und die Familie haben großen Einfluss

Das Problem ist schichtgebunden. Je weniger Bildung das Elternhaus aufweist, desto höher die Wahrscheinlichkeit für Defizite. Harte Worte, harte Wahrheit. Wo Kinder in schwierigen, meist ökonomisch schlechter gestellten Verhältnissen mit geringem Bildungshintergrund aufwachsen, tritt das Problem motorischer Koordinationsstörungen häufiger zu Tage.

Das war vor 50 Jahren nicht so. Kinder aus ärmeren Schichten hatten es immer schwerer, aber sie waren früher motorisch enorm fit. Meist waren sie sogar fitter als ihre gleichaltrigen Schulkameraden aus reichen Elternhäusern, weil sie fast den ganzen Tag draußen unterwegs waren, sagt der Psychologe Heinz Krombholz.

"Heute finden wir vernachlässigte Kinder besonders in der Stadt, die werden vor den Fernseher gesetzt und da verhalten sie sich relativ ruhig, stören nicht. Aber die profitieren davon nicht. Das hat sich verändert."

Psychologe Heinz Krombholz

Zum Teil ersetzen Sportvereine heute, was an innerstädtischen Freiflächen in den Großstädten fehlt.  Das bedeutet aber, dass die Kinder sich immer nur zu bestimmten Zeiten bewegen können. Und dass Eltern sich um das Hinbringen und  Abholen kümmern müssen. Viele Wege werden da mit dem Auto gemacht. So dass selbst sehr bewegungsaktive Kinder schnell auf neun Stunden Sitzen am Tag kommen.

Die heutige Gesellschaft muss sich um die motorische Entwicklung von Kindern kümmern, weil sich die Lebensräume so verändert haben, dass sich kein natürlicher Entwicklungsprozess mehr garantieren lässt.


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