Heilende Viren Infektionen bekämpfen mit Bakteriophagen
Immer mehr Bakterien sind unempfindlich gegen Antibiotika. Deshalb interessieren sich Forscher für die natürlichen Gegenspieler der Bakterien. Sie wollen Medikamente entwickeln, gegen die Bakterien nie resistent werden können.
Der Feind meines Feindes ist mein Freund - das gilt auch für Viren, die nur Bakterien angreifen. Entdeckt hat sie der französische Mikrobiologe Felix d’Herelle vor 90 Jahren am Pasteur-Institut. Er gab ihnen auch einen treffenden Namen: Bakteriophagen, griechisch für Bakterienfresser. Seine Erfolge bei Ruhr und Cholera - lange vor der Entdeckung des Penicillins - lösten vor allem in Deutschland und den USA einen regelrechten Boom aus. Militärärzte interessierten sich auch für die Behandlung von Wundinfektionen. Aber nicht immer war die Anwendung erfolgreich. Denn jeder Phage ist auf ganz bestimmte Bakterien spezialisiert. Die Behandlung einer Bakterieninfektion ist nur erfolgreich, wenn man die richtigen Phagen einsetzt und das haben viele Ärzte in den 20-er und 30-er Jahren nicht beachtet. Man muss also zuerst im Labor die Bakterien identifizieren und dann die passenden Phagen finden. Was gar nicht so schwierig ist, denn wo es Bakterien gibt, da gibt es auch Phagen: in unserem Darm, auf unserer Haut, in jedem Gewässer - einfach überall.
"Bakteriophagen sind Viren, das bringt immer so ein bisschen den Schauder auf den Rücken. Aber für Viren, die nur Bakterien infizieren, sollte man dankbar sein."
Dr. Harald Brüssow, Nestlé-Forschungszentrum, Vevey
Standard im Osten - vergessen im Westen
Im Antibiotika-Zeitalter gerieten die Phagen im Westen in Vergessenheit. Hinter dem Eisernen Vorhang jedoch waren Antibiotika oft Mangelware. Während des zweiten Weltkriegs stellten mehrere Institute in der UdSSR in großem Maßstab Phagenpräparate für die Armee her, danach auch für die Bevölkerung. Es gab Standardpräparate, zum Beispiel gegen Durchfallerkrankungen, und bei Spezialfällen wurden die passenden Phagen entweder in der „Phagenbibliothek“ eines Instituts gesucht oder eigens neue isoliert.
Führend auf diesem Gebiet war und ist das Eliava-Institut in Tiflis, der Hauptstadt Georgiens. Nach dem Zusammenbruch der UdSSR verlor es einen Großteil seines Marktes und musste viele Mitarbeiter entlassen. Inzwischen konnte man die Labors modernisieren, es gibt Forschungsgelder internationaler Organisationen und Zusammenarbeit mit Kollegen im Westen. Denn angesichts der Tatsache, dass Antibiotika bei immer mehr Bakterien wirkungslos bleiben, sind neue Lösungen gefragt, vor allem bei der Behandlung chronischer Wundinfektionen. Schon mancher verzweifelte Patient aus Europa oder den USA ist nach Tiflis gereist, um eine Amputation zu vermeiden. Ein weiteres Behandlungszentrum betreibt die Polnische Akademie der Wissenschaften in Breslau - für Patienten, bei denen alle Antibiotika und sonstige Therapien versagt haben.
"Es gibt keine Lobby für die Phagentherapie, und das in einer Zeit, in der die letzten antibiotischen Möglichkeiten zunehmend erschöpft sind. Dieses Riesenpotenzial wird einfach nicht weiterverfolgt."
Prof. Hans-Martin Seipp, Deutsche Gesellschaft für Wundheilung und Wundbehandlung
Aufkeimendes Interesse und immer noch viel Skepsis
In Nordamerika und Westeuropa engagieren sich inzwischen neben ein paar Forschern auch einige kleine Biotechnologie-Firmen in der Phagenforschung. In Deutschland hat das Hohenstein-Institut ein mit Phagen "imprägniertes" Verbandsmaterial entwickelt, fand aber keinen Partner für klinische Tests. Die Deutsche Gesellschaft für Wundbehandlung hat eine erfolgreiche Vorstudie absolviert, bekam aber dann kein Geld für weitere Arbeiten. Die Gutachter halten Viren als Therapeutikum und als Methode, die weitgehend in der UdSSR entwickelt wurde, offenbar nicht für vertrauenswürdig. Obwohl ein Blick in die inzwischen verfügbare "westliche" Fachliteratur zeigt, dass der Feind des Feindes unser Freund sein könnte - wenn man ihn lässt.

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