Wenn sich der Körper selbst zerstört Autoimmun-Erkrankungen
Typ-1-Diabetes, Rheuma und Multiple Sklerose - drei unterschiedliche Krankheiten, doch eine gemeinsame Ursache: Der Körper glaubt, gegen schädliche Erreger vorzugehen, aber in Wirklichkeit attackiert er sein eigenes Gewebe.
Etwa 60 verschiedene Autoimmunerkrankungen kennen wir heutzutage. Auch Morbus Bechterew gehört zur langen Liste. Hier attackieren Abwehrzellen die Wirbelsäule, was zu Versteifungen im Rücken führen kann.
"Zuerst habe ich gemerkt, dass ich ganz massive Rückenschmerzen hatte. Ich dachte, ich hätte Ischias-Probleme. Aber es waren keine Ischias-Probleme, sondern eben der Morbus Bechterew, der die Kreuzdarmbeingelenke betrifft."
Gabriele Müller, Patientin
Morbus Bechterew geht oft noch mit anderen Autoimmunkrankheiten einher. Manche leiden zusätzlich an der Augenkrankheit Uveitis oder an einer chronischen Darmentzündung, die sich Morbus Crohn nennt.
Was bei Autoimmunkrankheiten im Körper passiert
Das Immunsystem hat eine große Aufgabe: Es muss Erreger, die in den Körper eindringen, bekämpfen und uns vor schädlichen Viren, Bakterien oder auch Tumoren schützen. Der erste Schritt ist, dass das Immunsystem erkennen muss, wogegen es sich wehren soll. Wer ist Freund, wer ist Feind? Das ist manchmal gar nicht so einfach, weil sich viele Strukturen sehr ähnlich sehen. Manchmal passieren Fehler, und das Immunsystem glaubt, zum Beispiel gegen bestimmte Eiweiße vorgehen zu müssen, obwohl es sich um harmlose körpereigene Zellen handelt.
Dann rücken die weißen Blutkörperchen an, die als Polizei im Körper gelten. Zu ihnen gehören die sogenannten T-Zellen, die sich mit Entzündungszellen zusammentun und Schlimmes anrichten können. Je nachdem, welche Moleküle fälschlicherweise als Erreger erkannt werden, können sich Autoimmunreaktionen im Prinzip gegen jedes Organ und System im Körper richten.
Welche Ursachen Autoimmunerkrankungen haben können
Trotz intensiver Forschung: Eine konkrete Ursache für Autoimmunerkrankungen hat noch niemand gefunden. Die meisten Forscher gehen davon aus, dass Patienten von Geburt an eine gewisse Anfälligkeit dafür mitbringen. Das heißt nicht, dass sie die Krankheit direkt von ihren Eltern geerbt haben müssen. Oft ist es so, dass Gene sozusagen "zufällig" ungünstig zusammengewürfelt wurden.
Zusätzlich zur genetischen Vorbelastung muss auch noch ein aktueller Auslöser dazu kommen. Infektionen mit bestimmten Viren könnten das sein. Sie rufen vermutlich die Abwehrzellen des Immunsystems auf den Plan, die dann irrtümlich gegen körpereigene Strukturen vorgehen. Aber erwiesen ist das noch nicht. Es stehen auch viele Bestandteile unserer Nahrung auf dem Prüfstand. Auffällig ist zum Beispiel, dass die Autoimmunerkrankung Multiple Sklerose früher in Japan kaum bekannt war, jetzt aber um sich greift. Manche Forscher vermuten, dass der westliche Lebensstil daran schuld sein könnte.
"Die japanische Ernährung war klassischerweise relativ fettarm, mit wenig Kohlenhydraten und wenig Fleisch. Das hat sich sehr verändert, denken Sie an Fastfood. Das hat sich auch in Japan und besonders bei der jungen Generation durchgesetzt. Und man spekuliert, dass möglicherweise Veränderungen der Ernährung auch eine Veränderung der Darmflora mit sich gebracht haben."
Hartmut Wekerle, Direktor der Abteilung Neuroimmunologie, Max-Planck-Institut für Neurobiologie, München
Diabetesforscher am Helmholtz-Zentrum München gehen der Frage nach, ob Stress als Krankmacher infrage kommt. Sie untersuchen Jugendliche, die an Typ-1-Diabetes leiden.
"Kortison ist ein Hormon, das bei Stress ausgeschüttet wird und durchaus auch eine Wirkung auf das Immunsystem hat. Und es ist nicht ganz abwegig, dass auch solche Faktoren bei der Krankheitsentstehung eine Rolle spielen können."
Anette Ziegler, Leiterin des Instituts für Diabetesforschung, Helmholtz Zentrum, München
Doch noch ist alles Spekulation. Vermutlich spielen mehrere Faktoren zusammen, die bei jedem Patienten ganz individuell eine Autoimmunerkrankung auslösen.
Therapieansätze bei Autoimmunerkrankungen
Grundsätzlich besteht bei allen sogenannten "überschießenden" Immunreaktionen die Möglichkeit, das Immunsystem mit Medikamenten zu bremsen. Beim jugendlichen Diabetes scheiden solche Immunsuppressiva wegen möglicher Nebenwirkungen meist aus, weil man die bei Kindern und Jugendlichen vermeiden möchte. Besser wäre es ohnehin, das Immunsystem nicht zu unterdrücken, sondern so zu verändern, dass es nicht mehr falsch reagiert. Das lässt sich in Zukunft vielleicht durch eine Impfung gegen Typ-1-Diabetes erreichen.
Bei Multiple Sklerose sieht ein Therapieansatz so aus, dass man aggressive T-Zellen abfängt, bevor sie ins Gehirn eintreten und dort Schaden anrichten können. Eine solche "Abfangtherapie" setzt bereits im Darm an, was im Tierversuch schon klappt. Bis es beim Menschen gelingt, aggressive T-Zellen abzuwehren, werden aber noch einige Jahre vergehen.
Auch der Therapieansatz bei der Augenkrankheit Uveitis klappt bisher nur im Tierversuch: Ratten, die an Uveitis leiden, bekommen genau das Eiweißstückchen immer wieder zu fressen, gegen das sich der Körper wehrt. Es ist ein Protein, das im Auge vorkommt. Mit der Zeit wird die Immunreaktion bei den Ratten schwächer. Der Körper fängt an, das vermeintlich gefährliche Eiweiß, das er nun über die Nahrung bekommt, zu tolerieren. Experten nennen das "orale Toleranz".
"Der Traum ist natürlich, dass man es schafft, das Immunsystem ein bisschen zu erziehen und ihm beizubringen, die körpereigenen Antigene wieder in Ruhe zu lassen."
Gerhild Wildner, Professorin für Immunbiologie, Ludwig-Maximilians-Universität, München
Noch ist die Hoffnung auf Heilung bei den meisten Autoimmunerkrankungen nur ein Traum. Doch moderne Medikamente, die immer gezielter und besser wirken, können zumindest Symptome lindern.

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