Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Adipositas-Chirurgie Wenn weniger essen allein nicht hilft

Laut WHO zählt Adipositas zu den großen Gesundheitsproblemen. Nicht immer reicht es, weniger zu essen und sich mehr zu bewegen. Gegen krankhaftes Übergewicht werden neue Strategien ausprobiert. Dabei wird meist der Magen verkleinert.

Von: Ingeborg Hain / Redaktion: Gerda Kuhn Stand: 08.02.2012

Chirurgische Verfahren sollen helfen, wenn alles andere nicht mehr hilft - ab einem Body-Maß-Index weit über 30. Ab einem BMI von 30 gilt man als adipös. Aber der Body Maß Index ist umstritten, weil er nichts über die Gesundheit eines Menschen aussagt. Trotzdem: Eine Adipositas erhöht generell das Krankheits-Risiko. Stark übergewichtige Jugendliche bleiben meist übergewichtig. Ihr Stoffwechsel ist in einer Art Dauerstress. Inzwischen bewerten Experten das Fettgewebe sogar als eigenes Stoffwechselorgan.

"Dieses Zuviel an Fett kann im Fettgewebe nicht mehr gespeichert werden, also lagert es sich anderswo an - in der Leber und in der Muskulatur. Das hat Auswirkungen auf den gesamten Organismus."

Professor Hans Hauner, Kompetenznetz Adipositas

Adipositas-Chirurgie - Der Magen-Bypass

Adipositas-Chirurgie steht in Deutschland erst am Anfang. Seit gut zehn Jahren spezialisieren sich Ärzte darauf und damit auf eine Palette unterschiedlicher Verfahren. Der Magen-Bypass wird Patienten mit einem BMI über 40 empfohlen. Er ist eine Kombination aus Magen-Verkleinerung und Darmumleitung. Bestimmte Teile des Darms werden von der Nahrungsmittelpassage ausgeschlossen. Der Magen-Bypass bewirkt, dass man im Schnitt 70 bis 80 Prozent des Übergewichts verliert. Typisch nach einer Operation: Man verträgt nicht mehr alles, besonders Fett- und Zuckerhaltiges. Durch den Gewichtsverlust können Mangelzustände auftreten. Deshalb müssen Vitamine zugeführt werden. Eine erwünschte Nebenwirkung: Durch einen Magen-Bypass verlieren Patienten typische Beschwerden durch ihr Übergewicht: Diabetes und Gelenkschmerzen etwa.

Der Schlauchmagen

Ebenfalls zu einem raschen Gewichtsverlust führt ein so genannter Schlauchmagen. Der Magen wird auf ein Zehntel der Ursprungsgröße verkleinert. Damit fehlt auch ein Großteil der Hormone, die den Hunger regulieren, und die Patienten haben weniger Appetit. Dieser radikale Eingriff bleibt Patienten mit extremem Übergewicht ab einem BMI über 60 vorbehalten.

Der Magenballon

Eine vergleichsweise harmlose Maßnahme: Bei einer Magenspiegelung wird ein Silikon-Ballon im Magen eingesetzt, der mit Flüssigkeit gefüllt ist. So entsteht ein Völlegefühl. Die Folge: Es wird weniger gegessen. Der Ballon kann jederzeit entfernt werden.

Das Magenband

Dabei wird um den oberen Teil des Magens ein verstellbares Band gelegt, um ihn vom Rest abzugrenzen. In diesen "Vormagen" passen dann nur noch rund 30 Milliliter. Zum Vergleich: Der gesamte Magen eines Menschen fasst für gewöhnlich bis zu zweieinhalb Liter. Beim Essen füllt sich der Vormagen und man fühlt sich ziemlich schnell satt. Ein Magenband kann jederzeit entfernt oder weiter gestellt werden.

Wie das Magenband zielt auch ein weiteres Verfahren auf ein Problem ab, das viele Übergewichtige kennen: Sie haben kein Sättigungsgefühl mehr.

Der Magenschrittmacher

Er ist 65 Gramm schwer, so groß wie eine Visitenkarte und wird an der Magenwand angebracht. Ein kleines Teil, das es in sich hat: Es sendet elektrische Impulse an den Magen, die zu einem Völlegefühl führen. Dem Schrittmacher kann man bestimmte Zeitintervalle einprogrammieren, zu denen der Patient essen darf.  Zum Beispiel 15 Minuten für Frühstück, zwischen acht und neun Uhr. Isst der Betreffende danach noch weiter, beginnt der Schrittmacher zu arbeiten und erzeugt ein Völlegefühl . Ziel ist es, den Patienten auf diese Weise an eine anderes Essverhalten zu gewöhnen

Nicht jedes Verfahren ist für jeden geeignet

Es gibt also verschiedene Möglichkeiten, wie Adipöse ihrem Gewicht auch ohne Hungerkur zu Leibe rücken können: Vom einfachen Magenballon bis zum Schlauchmagen. Doch welches Verfahren kommt für welchen Patienten infrage?

"Das Ausgangsgewicht spielt eine Rolle - wieviel Prozent will ich überhaupt verlieren? Mit einem Magenbypass ist es mehr als mit einem Magenband. Wichtig sind eventuelle Begleiterkrankungen, wie Zucker oder Bluthochdruck. Dann empfiehlt sich eher ein kombiniertes Verfahren mit Nahrungsmittel-Umleitung, weil dann die Begleiterkrankungen eher verschwinden als bei einer Operation, nach der Sie nur weniger essen."

Dr. Günter Meyer, ACM Wolfart-Klinik Gräfelfing

Die gesetzlichen Krankenkassen zahlen eine Operation nur unter bestimmten Voraussetzungen.  Zum Beispiel, dass keine Ess-Störung vorliegt und mehrere Abnehm-Versuche schon gescheitert sind.

Die Erfolge der jeweiligen Eingriffe sind beachtlich: Mindestens 30 bis 40 Prozent weniger Übergewicht lassen sich durch chirurgische Verfahren erzielen. Doch es fehlen bisher noch Langzeitergebnisse. Wer erfolgreich zig Kilo verloren hat, braucht lebenslang Disziplin, um nicht in alte Gewohnheiten zurückzufallen. Adipositas ist kein Schönheitsfehler und die Adipositas-Chirurgie keine Schönheitsoperation. Sie kann helfen, krankhafte Veränderungen zu stoppen. Wie dauerhaft das gelingen kann, lässt sich derzeit aber noch nicht absehen.  


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