Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


3

Smart City Die intelligente Stadt der Zukunft

Technologische Lösungen für städtische Probleme haben Konjunktur. Weltweit bewerben Elektronikkonzerne ihre Produkte: vom intelligenten Stromnetz über das Smarte Haus bis hin zur schlüsselfertigen Siedlung. Doch in jüngster Zeit wächst die Kritik.

Von: Lukas Grasberger / Redaktion: Nicole Ruchlak

Stand: 11.07.2013

Ein Finger tippt auf ein Netz aus Linien, das vor dem unscharfen Bild einer Stadt zu sehen ist | Bild: colourbox.com; Montage: BR

Technologie für die Stadt der Zukunft

Wie lässt sich die Lebens- und Arbeitswelt in der Stadt mit moderner Informations- und Kommunikationstechnologie verbessern? Antworten darauf suchen Politiker, Stadtplaner, Wissenschaftler wie auch IT-Unternehmen mit Hochdruck.

"Smart City ist die Vision, bei der es darum geht, mit Informations- und Kommunikationstechnologien die Arbeits- und Lebensqualität in der Stadt zu verbessern."

Professor Ina Schieferdecker, Zentrum für Smart Cities, Fraunhofer FOKUS

Besonders die in Schwellenländern boomenden Mega-Metropolen setzen große Hoffnungen auf technologische Lösungen ihrer schier überbordenden Probleme: Staus und Smog, Energieknappheit und Entsorgungsprobleme, Armut und soziale Ausgrenzung. Doch auch EU und Bundesregierung fördern die intelligente Aufrüstung von Städten mit hohen Millionenbeträgen. Längst haben daher auch Großkonzerne die "Smarte Stadt" als Riesenmarkt erkannt: Das Forschungsinstitut der Deutschen Bank schätzt, dass bis 2030 weltweit 40 Billionen Dollar in Smart-City-Technologien investiert werden müssten, um Städte zukunftsfähig zu machen.

Technologie gegen Energie-Probleme und Klimawandel

Unzählige Solarzellen, leistungsfähige Stromspeicher sowie ein smartes Verteilungssystem sollen die japanische Stadt Fujisawa nahe Tokio praktisch energieautark machen. Alle Geräte - von der Waschmaschine über den Fernseher bis zum Haus als Ganzem - sind an ein intelligentes Energiemanagement-System angeschlossen. Ein ambitioniertes Projekt: Spezielle Sharing-Programme für Elektroautos und Fahrräder sind an die Infrastruktur angepasst, Häuser, Garagen, öffentliche Parkplätze und Einrichtungen sind so entworfen, dass sie eine komfortable, gemeinschaftliche Nutzung von Elektrofahrzeugen sowie ein einfaches Aufladen der Batterien erlauben.

Während in Asien an der schlüsselfertigen schlauen Stadt vom Reißbrett getüftelt wird, geht es im "alten Europa" um Verbesserungen der gewachsenen Infrastrukturen. Im Fokus der Aufmerksamkeit steht hier auch das Energie-Management, aber ebenso die zunehmende Überalterung der Gesellschaft: Sensoren sollen zum Beispiel Senioren den barrierefreien Weg durch die Stadt weisen. In Sachen Energiesparen wird in Lyon das gesamte Viertel Confluence CO2-frei umgestaltet: Welche Fassaden wie saniert werden müssen und wo genau Bürger Energie verschwenden - das verrät ein Energie-Monitoring-System, das sowohl einzelne Häuser als auch das ganze Viertel überwacht.

Buch-Tipp

Hans-Jörg Bullinger/Brigitte Röthlein: Morgenstadt - Wie wir morgen leben, Carl Hanser Verlag, München 2012. Fraunhofer-Präsident Bullinger und die Wissenschaftsautorin Röthlein entwickeln Lösungen für das urbane Leben der Zukunft für die Bereiche Wohnen, Verkehr, Versorgung und Sicherheit.

Mangelnder Datenschutz und Sorge vor Terror-Anschlägen

Die Gefahr einer detaillierten digitalen Überwachung hat in jüngster Zeit die Kritiker an Smart-City-Konzepten auf den Plan gerufen. Dazu kommt die Sorge, dass smarte Planung und Betrieb von Städten Probleme ignorieren könnten, die sich technisch nicht lösen lassen - wie etwa Armut und soziale Ausgrenzung. Je mehr Städte intelligente Infrastrukturen von Konzernen betreiben lassen, um so mehr geraten Aufgaben der öffentlichen Verwaltung in private Hände, warnt der Stadtplaner Anthony Townsend von der New York University. Und der renommierte US-Soziologe Richard Sennett warnt davor, dass Menschen verlernen könnten, mündige Stadtbürger zu sein, wenn ihnen die Technik zu viel an Aufgaben abnehme.

Andere Kritiker halten Smarte Städte aus diesem Grund für "Unfug": Die zentralisierte Vernetzung mache sie anfällig für Havarien, aber auch für Angriffe von Hackern und Terroristen.

Abstimmung

Wie stehen Sie zu mehr Technik in der Stadt?

Computer mit Kabelanschlüssen | Bild: picture-alliance/dpa
Datenkabel, die an einen Computer angeschlossen sind | Bild: picture-alliance/dpa

Diese Abstimmung ist keine repräsentative Umfrage. Das Ergebnis ist ein Stimmungsbild der Nutzerinnen und Nutzer von BR.de, die sich an der Abstimmung beteiligt haben.

Keine Smart Cities ohne Smart Citizens

Technologie darf den Menschen nicht dominieren. Statt Herrschaftswissen setzt die Stadt der Zukunft auf möglichst viel frei fließende Information, die vom Bürger je nach Bedürfnissen abgerufen werden kann. Rettungsdienste, Nahverkehr oder Entsorgung könnten zeitnäher und effizienter nach den Bedürfnissen der Bürger ausgerichtet werden. So könnten Stadtbewohner beispielsweise auf einem "Fix-my-city"-Portal eine vermüllte Ecke oder ein Schlagloch melden. Probleme würden damit transparent - aber auch, was die Verwaltung wann und wie zu ihrer Beseitigung unternimmt. 

"Zentralität ist immer interessant für potenzielle Angreifer oder auch für Unfälle. Im schlimmsten Fall könnte man mit einem Klick eine ganze Smart City ausschalten."

Sandro Gaycken, Experte für Cyber-Sicherheit, FU Berlin

Ebenso wichtig wie die Transparenz ist hier das Element der Bürgerbeteiligung. Ein Beispiel hierfür: Wheelmap, eine digitale Karte, auf der ehrenamtliche Nutzer behindertengerechte U-Bahn-Stationen eintragen. Bürger können ihr Smartphone als Werkzeug nutzen, um sich an der Stadtplanung zu beteiligen. Der soziale Zusammenhalt in der Stadt lässt sich auf diese Weise vielleicht stärken.


3