Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Ich messe, also bin ich! Das Sammeln von Gesundheitsdaten

Immer mehr Menschen sammeln ihre Gesundheitsdaten: Ob Blutdruck, Herzschlag, Puls, Lungenvolumen oder Schlafrhythmus - mithilfe von Smartphone Apps oder kleinen, handlichen Geräten vermessen sie täglich ihren Körper.

Autor: Daniela Remus / Redaktion: Jeanne Turczynski Stand: 15.02.2012

Endlich über den eigenen Körper so viel zu wissen wie über andere Vorgänge des täglichen Lebens, das ist das Credo der Selbstvermesser. Was bei Hochleistungssportlern seit Jahren üblich ist, nämlich das Protokollieren und Sammeln von Körperdaten, das haben die Anhänger der sogenannten Quantified-Self-Bewegung zu ihrem Motto gemacht: Selbsterkenntnis durch Zahlen. In den USA machen angeblich schon rund 20 Prozent der Bevölkerung dabei mit. Dadurch werde sich in naher Zukunft das Gesundheitswesen revolutionieren, davon sind die Selbstvermesser überzeugt. Das Wissen, das bisher nur Spezialisten vorbehalten war, werde nun endlich demokratisiert, meinen sie.

Unterschiedlichste Motive

Dabei sind die Beweggründe der Selbstvermesser vielfältig: Es gibt die Technikfreaks, die einfach nur neugierig ausprobieren, was durch die neuen Programme jetzt alles geht. Daneben ist vor allem die Gruppe derjenigen besondern groß, die besorgt und misstrauisch sind, wenn es um ihre Gesundheit geht. Diese Selbstvermesser misstrauen einmaligen Gesundheitschecks genauso wie den Medizinern, von denen sie sich nicht ernstgenommen fühlen und von deren Entscheidungen sie sich ausgeschlossen wähnen. Vom regelmäßigen Erheben ihrer Körperdaten versprechen sie sich deshalb nicht nur ein größeres Wissen über sich selbst, über die Abläufe in ihrem Körper, sondern vor allem auch eine bessere Gesundheit.

"Das ist etwas ganz Selbstverständliches für uns geworden, dass wir uns selber in Bezug auf unseren Körper ja eigentlich an­dau­ernd beobachten und auch vermessen."

Paula Irene Villa, Professorin für Soziologie, Universität München

Körperdaten anstelle von Körpergefühl

Manche Apps sammeln Gesundheitsdaten.

Neben den Gesundheitsbewussten zählen chronisch Kranke und die sogenannten Selbstoptimierer zu den Anhängern der Quantified-Self-Bewegung. Sie alle eint die Tatsache, dass sie skeptisch sind gegenüber ihren Körpergefühlen. Statt sich wohlzufühlen, wollen sie wissen, welche Werte sie in dem Moment haben, in dem sie sich wohlfühlen. Zahlengläubigkeit nennen Kritiker dieses Fokussieren auf die Daten. Die Selbstvermesser selbst aber versprechen sich von den Zahlen, Kurven und Daten eine größere Objektivität als beim Körpergefühl.

"Das ist eine Grundthese von Quantified Self, warum man das Ganze überhaupt macht, die Erkenntnis, dass wir als Menschen eigentlich sehr schlecht darin sind, uns selbst einzuschätzen."

Johannes Kleske, Agentur Third Wave, Berlin

Aufklärung durch Körperdaten

Das Sammeln von Körperdaten sehen die Selbstvermesser nicht nur als Maßnahme zur individuellen Gesundheitsverbesserung an, sondern auch als Entwicklung hin zu mehr Demokratisierung. Wissen, was bisher einigen wenigen Spezialisten vorbehalten war, werde nun für alle verfügbar. Die Autonomie des Individuums, seine Freiheit und Eigenverantwortlichkeit werden dadurch gestärkt, meinen die Selbstvermesser. Und dadurch verändere sich auch zwangsläufig unsere Gesellschaft.

"Der grundsätzliche Aufklärungsgedanke, dass man die Entscheidung trifft, sich selbst zu verbessern, ist in diesem Aufklärungsideal drin."

Christian Kleineidam, Selbstvermesser, Berlin

Sinn und Unsinn

Die Selbstvermesser sind davon überzeugt, dass sich das Sammeln von Körperdaten immer weiter verbreiten wird. Schon in wenigen Jahren würden wir alle ganz selbstverständlich eine Pulsuhr tragen oder uns von Smartphone Programmen den Kalorien- und Fettgehalt unseres Essens ausrechnen lassen, meinen sie. So selbstverständlich, wie wir heute zur Krebsvorsorge gehen, so selbstverständlich werden wir auch unsere eigenen Körperdaten protokollieren, davon gehen die Selbstvermesser aus.

Doch Mediziner melden hier ihre Zweifel an: Die wegweisenden Studien der letzten Jahre haben gezeigt, dass die Vorgänge im menschlichen Körper weitaus komplexer sind als vermutet. Schon deshalb sei es wenig sinnvoll, einzelne Daten zu erheben, ohne sie in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

"Messungen der Körperfunktionen haben nur einen Sinn, wenn ich irgendeine Konsequenz daraus ziehe, wenn ich die Werte kenne."

Ingrid Mühlhauser,  Professorin für Gesundheitswesen, Universität Hamburg