Gefangen im Unbewussten? Psychologie des Rassismus
Offiziell ist der Rassismus in Südafrika schon lange beendet. Kaum noch jemand erlaubt sich öffentlich rassistische Äußerungen. Trotzdem scheint das Problem tief in der kollektiven Psyche verwurzelt zu sein.
Auch fast 20 Jahre nach Ende der Apartheid hat sich der Rassismus tief in der kollektiven Psyche der Südafrikaner festgesetzt. Auf dem Papier ist das Problem gelöst: die Verfassung, Anti-Diskriminierungsgesetze, Affirmative Action, Political correctness - all das sorgt dafür, dass sich kaum jemand öffentlich rassistische Äußerungen erlaubt. Und doch: Schwarze Südafrikaner klagen über Diskriminierung im Alltag. Zubair Sayed zum Beispiel, der lange Zeit in Europa gelebt hat und als Manager arbeitet, fühlt sich in seiner "Heimatstadt" Kapstadt bis heute als Mensch zweiter Klasse.
Rasissmus als psychisches Phänomen
"Jeder denkt, Rassismus hat mit Schimpfwörtern und Beleidigungen zu tun, aber das ist eine krude Vorstellung. Ich habe erlebt, dass Nachtclubs mir den Zutritt verweigert haben, weil angeblich eine Privatparty im Gange war. Oder der überraschte Ausruf: 'Oh, sprechen Sie aber gut Englisch!' Man fühlt sich ständig beurteilt. Viele Weiße reagieren ungläubig, wenn ich sage, dass ich im Management einer globalen NGO war. Warum? Es ist fast so, als würden sie davon ausgehen, dass wir weniger intelligent sein müssen."
Zubair Sayed
Subtile Formen des Rassissmus
Wie Zubair Sayed geht es vielen schwarzen Südafrikanern. Sie sind das Thema leid, doch anders als viele Weiße können sie es nicht ignorieren, weil sie selbst betroffen sind und dem Problem im Alltag immer wieder begegnen.
"Apartheid und Rassismus, das hatte mit Erniedrigung zu tun, damit, dich unbedeutend zu machen. Du warst ein Untermensch, du warst ein Nichts. Es ging darum, uns systematisch aus der Gesellschaft auszuschließen. Und wenn sich dieses Ausschließen heute in subtiler Form wiederholt, dann kommen die alten Gefühle wieder hoch. Es ist unangenehm, dieses Echo der Vergangenheit. Aber es hallt immer und immer wieder nach."
Zubair Sayed
Die Mehrheit der Weißen scheint Rassismus bis heute für ein Problem der Schwarzen zu halten. Es sind die ehemalige Täter, die Mitläufer, die systematisch vom System Begünstigten und ihre Kinder, die nach vorn schauen wollen statt zurück. "Warum können wir die Vergangenheit nicht endlich ruhen lassen?" stöhnen sie. Schließlich gebe es doch Affirmative-Action-Gesetze, eine neureiche schwarze Elite und den ANC an den Hebeln der politischen Macht. Ungesagt bleibt: Die nach Ende der Apartheid von den Weißen befürchtete Rache der Schwarzen blieb aus. Doch auch zu Wiedergutmachung auf breiter Basis, zu Enteignungen, zu Landreform oder einer sogenannten Reichen-Steuer ist es nie gekommen.
Das kollektive Trauma Rasissmus
Wenig Grund also für die bis heute privilegierte weiße Minderheit, lang gehegte Vorurteile zu überdenken. Dieses Problem beschäftigt nicht nur Soziologen und Politikwissenschaftler, sondern zunehmend auch Tiefenpsychologen: Kann kollektives Trauma jemals überwunden werden? Wie ist es möglich, den Teufelskreis von Angst und Hass, der sich wie von Geisterhand über Generationen fortsetzt, zu brechen?
"Ich denke, weiße Südafrikaner kämpfen mehr mit Schuld, Schwarze mehr mit Scham. Wir ringen da mit unterschiedlichen tiefen Ängsten. Aber es ist extrem heikel, darüber zu sprechen, was andere empfinden. Kein Schwarzer, der zu einem Weißen sagt: 'Du fühlst dich schuldig - eben weil du es bist' wird damit ungeschoren davonkommen. Und umgekehrt kein Weißer, der zu einem Schwarzen sagt: 'Tief drinnen befürchtest du ständig, dass du tatsächlich minderwertig bist'. Das ist unsagbar, und so sprechen wir nicht über diese Probleme. Obwohl wir es sollten."
Prof. Mark Solms, Psychoanalytiker
"Informelle Rassentrennung" in Südafrika
Sozialpsychologen beklagen die allgegenwärtige "informeller Rassentrennung" am Kap. Miteinander arbeiten ist normal. Miteinander privat befreundet sein ist selten. Miteinander ausgehen ein unausgesprochenes Tabu. Einander heiraten und Kinder zeugen - das ist für die überwältigende Mehrheit schlicht undenkbar. Der Psychologieprofessor und Psychoanalytiker Mark Solms sieht die Wurzel des Problems in der Geschichte des Landes - und im kollektiven Unbewussten der Südafrikaner.
"Was du nicht bewusst berührst", schrieb einst Carl Gustav Jung, das "geschieht dir als Schicksal". Und im Umkehrschluss: Auf eine verdrängte Vergangenheit, da sind sich Tiefenpsychologen einig, lässt sich langfristig keine gemeinsame Zukunft bauen.

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