Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Peinlich, peinlich Über die menschliche Scham

Jeder von uns kennt Situationen, in denen wir uns schämen. Am liebsten würden wir im Boden versinken, aber das Gegenteil ist der Fall: Wir laufen rot an, und jeder kann es sehen. Scham ist ein unangenehmes Gefühl. Über Scham spricht man nicht. Deshalb nennt man sie auch "das Aschenputtel" unter den Gefühlen.

Autor: Tanja Zieger Stand: 10.05.2011

Wenn wir uns schämen, wird die Haut heiß und rot. Wir wenden den Blick ab oder bedecken das Gesicht. Scham kann schmerzhaft sein, auch körperlich. Deshalb tun wir alles, um dieses Gefühl zu vermeiden. Denn Scham signalisiert uns, dass wir die Würde eines anderen Menschen verletzt haben. Oder unsere eigene. 

Scham ist eine menschliche Grund-Emotion

Jeder Mensch empfindet Scham. Das unterscheidet uns von den Tieren. Im Alter von etwa zwei Jahren entwickeln Kinder die Fähigkeit, auf sich selbst zu blicken. Sie nehmen sich als Individuum wahr, dass sich von anderen unterscheidet. Das ist der Beginn der Scham. Gleichzeitig entwickelt sich eine Privatsphäre, ein Raum, zu dem nicht jeder Zutritt hat. Die Fachwelt nennt das "Intimitätsscham".

Intimitätsscham schützt

Die Intimitätsscham hilft uns, unsere Privatsphäre zu schützen. Körperlich wie geistig. Wir zeigen uns nicht jedem Menschen gegenüber nackt, genauso teilen wir unsere Gedanken und Phantasien nur mit vertrauten Menschen. Wo diese Grenzen verlaufen, hängt jedoch vom einzelnen ab - und von der Kultur, in der er lebt. So sind es zum Beispiel beim Volk der Tuareg in Nordafrika die Männer, die einen Gesichtsschleier tragen.

"Ohne Scham ist es wirklich die Frage, ob Kinder so etwas wie eine Privatsphäre entwickeln würden: Bereiche, wo sie sagen, da lass ich vertraute Personen rein, und andere dürfen da nicht rein."

Bettina Schuhrke, Professorin für Psychologie, Evangelische Fachhochschule Darmstadt

Scham grenzt aus

Zur Scham gehört der Blick der anderen. Ein beschämender Blick sagt mir, wenn ich die Normen und Erwartungen der Anderen nicht erfülle. Weil ich zum Beispiel unpassend gekleidet bin, mich unpassend benommen habe. Im Moment der Scham gehöre ich nicht dazu, bin Außenseiter. Der Soziologe Stephan Marks nennt das "Zugehörigkeitsscham" oder "Anpassungsscham".

"Was für eine Kraft, wenn es gelingen würde, diese unglaubliche Kraft der Scham ins Positive zu wenden. Das kann ein Antrieb werden für einen würdigeren Umgang miteinander."

Stephan Marks, Soziologe, Universität Freiburg

Wie wir Scham abwehren

Um das Gefühl der Scham nicht zu spüren, haben wir viele Abwehrmechanismen entwickelt. Manche Menschen geben sich betont kühl und arrogant oder werden aggressiv, versuchen statt ihrer selbst den anderen zu beschämen. Andere werden ganz still, geben sich bescheiden, stellen ihr Licht unter den Scheffel, um keinen Fehler zu machen und dann bloßgestellt zu werden.

Scham und Menschenwürde

Heutzutage gibt es in unserer Gesellschaft viele Schamauslöser: Arbeitslosigkeit, Armut, Alter, körperliche Makel und Gebrechen. Wenn Scham auftaucht, ist auch immer die Würde des Menschen verletzt. Weil wir nicht nur fühlen, dass wir etwas falsch gemacht haben, sondern selbst ein Fehler zu sein. Diese Ausgrenzung lässt sich durchbrechen, wenn wir beginnen, über unsere Scham zu sprechen und würdevoller miteinander umzugehen.