Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Plötzlich offline Gibt es ein Leben ohne Internet und Handy?

So schnell wie kein Medium zuvor hat das Internet den Alltag erobert. Doch was passiert, wenn man es aus seinem Leben wieder verbannt? Zwei Buchautoren haben den Selbstversuch gewagt.

Autor: Oliver Buschek / Redaktion: Wolfgang Kasenbacher Stand: 10.01.2012

Besonders schlecht fühlte sich Alex Rühle bei einem Urlaub auf Elba: Seinen Notebook-PC hatte er absichtlich zu Hause gelassen. Zwei Wochen ohne Internet? Das müsste ja wohl zu schaffen sein! Doch von wegen: "Es war wie kalter Entzug", erzählt Rühle, der als Feuilleton-Redakteur bei der Süddeutschen Zeitung arbeitet. Die Erlösung kam, als er schließlich bei einem Spaziergang ein Internet-Café entdeckte. Seiner Familie allerdings wollte er davon nichts erzählen.

"Alle zwei Tage bin ich ins Dorf hochgeschlichen, um kurz meine Mailbox zu öffnen. Keine der Mails musste unbedingt beantwortet werden. Ich hab's trotzdem getan."

Alex Rühle, Internt-Nutzer auf Entzug

Zwei Autoren - eine Idee

Lebensmittelpunkt Handy

Rühle beschloss, ein Experiment zu wagen: Was würde passieren, wenn er sich nicht nur zwei Wochen, sondern ein halbes Jahr lang in Internet-Abstinenz übte? Eine Idee, die offenbar in der Luft lag: Denn auch der freie Journalist Christoph Koch probte den Selbstversuch: Er wollte zwar nur einen Monat vom Netz lassen, verzichtete allerdings zusätzlich auch noch auf das Handy. Beide haben über ihre Erfahrungen Bücher geschrieben und treffen damit offenbar den Zeitgeist.

"Bei vielen, denen ich von meinem Selbstversuch erzählt habe, war so eine gewisse Sehnsucht zu spüren. Die haben gesagt: Ich würde auch gern darauf verzichten jeden Tag so viele schwachsinnige E-Mails beantworten zu müssen. Aber ich würde es nicht schaffen."

Christoph Koch, Internet- und Handy-Abstinenzler

50 Millionen Deutsche sind inzwischen online und viele denken kaum noch drüber nach: Die Zeiten, als man "ins Internet ging" sind vorbei. Das Netz ist einfach da: Auf dem PC im Büro, auf dem Notebook mit drahtloser Internet-Verbindung zu Hause oder auf dem Smartphone in der Hosentasche, das jede eingehende E-Mail mit einem warmen Surren anzeigt.

E-Mails checken - fast eine Sucht

E-Mails checken - selbst belangloser Quatsch muss zur Kenntnis genommen werden.

Doch diese Allgegenwart hat ihre Schattenseiten: zum Beispiel den nahezu zwanghaften Drang, ständig seine E-Mails zu checken oder bei jeder auftauchenden Frage sofort zur Suchmaschine zu greifen. Der Neurobiologe Kent Berridge macht dafür den Botenstoff Dopamin verantwortlich, der oft als "Glückshormon" beschrieben wird. Die Dopamin-Ausschüttung bei einer erfolgreichen Suche oder einer interessanten E-Mail ist eine Belohnung für das Gehirn, so dass wir immer wieder danach streben - selbst wenn die meisten E-Mails, die den Tag über in unser Postfach gelangen, alles andere als interessant sind. Kein Wunder, dass viele Internet-Nutzer ihren Drang zum Netz als Sucht erleben - auch wenn die medizinischen Kriterien für Abhängigkeit nur in den allerwenigsten Fällen erfüllt sind.

Obendrein verwischt das ständig und überall verfügbare Internet die Grenze zwischen Privatleben und Beruf. In manchen Branchen, wie etwa der Unternehmensberatung, können es sich Angestellte kaum leisten, am Feierabend oder am Wochenende nicht erreichbar zu sein. E-Mails nicht innerhalb von wenigen Stunden zu beantworten, wird als Affront betrachtet.

Informationsflut kann zum Burn-Out führen

Dabei kann der ständige Strom von Nachrichten schon innerhalb der regulären Arbeitszeiten zur Belastung werden. Das ergab auch eine Studie von Klaus Moser, Professor für Wirtschafts- und Sozialpsychologie an der Universität Nürnberg-Erlangen: Ein Großteil der befragten Arbeitnehmer litt unter der Masse an eingehenden E-Mails. Zu unübersichtlich sei der endlose Fluss von Informationen, der sich vor allem nach Abwesenheit durch Urlaub oder Krankheit kaum bewältigen ließe. Oft sei die Relevanz der einzelnen Nachricht nicht erkennbar, Ziele würden immer unklarer formuliert und die Dringlichkeit sei schlecht einschätzbar.

So führt das informationelle Dauerfeuer aus dem Netz zu Stress, in Einzelfällen sogar zum Burn-Out. Der Berliner Psychotherapeut Götz Mundle ist spezialisiert auf die Behandlung von ausgebrannten Managern, die vor lauter Internet und Handy keine Ruhe mehr finden.

"Viele schaffen es einfach nicht, sich Auszeiten zu nehmen. Die sind aber ganz wichtig!"

Götz Mundle, Psychotherapeut

Selbstbeschränkung als Mittel gegen Stress

Buch-Tipps

  • Alex Rühle: Ohne Netz. Mein halbes Jahr offline. Klett-Cotta, 2010.
  • Christoph Koch: Ich bin dann mal offline. Ein Selbstversuch. Leben ohne Internet und Handy. Blanvalet, 2010.

Den beiden Buchautoren hat der selbstverordnete Internet-Ausstieg auf Zeit gut getan. Alex Rühle hat die Möglichkeit zum schnellen Nachschlagen im Netz zwar oft vermisst, erinnert sich aber trotzdem gern an die "tolle Zeit" zurück. Und Christoph Koch hat seine auf vier Wochen angelegte digitale Fastenzeit sogar freiwillig um zwei Wochen verlängert. Und beide haben sie Konsequenzen gezogen: Koch verzichtet seitdem jedes Wochenende einen Tag auf Internet-Gebrauch, Alex Rühle hat sich sein Smartphone nicht wiedergeholt und benutzt seitdem ein Handy, dessen Internet-Zugang so kompliziert ist, dass Rühle ihn gar nicht erst ausprobiert.

Sieben Tipps gegen Internet-Stress

Das Internet muss auch mal ausruhen

Legen Sie für sich selbst Zeiten fest, zu denen Sie online sein wollen - vor allem aber definieren Sie feste Offline-Zeiten.

Sonntags gehört Papa mir

Ziehen Sie in Erwägung, einen komplett internetfreien und - falls möglich - handylosen Tag pro Woche einzulegen.

Es wird beachtet, was um den Tisch sitzt

Vereinbaren Sie mit Ihrem Partner oder Ihrer Familie, dass bei gemeinsamen Mahlzeiten keine Mobiltelefone, Blackberrys oder andere mobile Geräte mit an den Tisch gebracht werden.

Prioritäten setzen, nicht setzen lassen

Gewöhnen Sie sich vor allem an, Ihren Arbeitstag nicht mit dem Abrufen von Mails zu beginnen. Sie geraten sonst von der ersten Minute an in die unangenehme und defensive Position des reinen Reagierens.

Eilig ist erst, wenn ich es sage

Lassen Sie sich nicht zu einer sofortigen Reaktion auf eine E-Mail zwingen, egal wie viele Ausrufezeichen jemand in seinen Text setzt oder ob er die Prioriätsstufe auf "extrem sehr superhoch" einstellt.

Nicht heimlich grollen

Sagen Sie es einfach, wenn Sie es als unhöflich empfinden, dass ein Freund ein Gespräch mit Ihnen mehrfach für ein Handytelefonat unterbricht oder seinen Blackberry auf eingegangene Nachrichten hin untersucht.

Nicht angeben

Schalten Sie die automatische Fußnote "Sent from my Blackberry" oder "Gesendet von meinem iPhone" aus, wenn Sie nicht wollen, dass alle Empfänger wissen, dass Sie dauernd erreichbar sind.

Alle Tipps aus "Ich bin dann mal offline" von Christoph Koch