Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Krisen-Navigation Wie man kritische Situationen bewältigt

Forscher wollen verstehen, wie Krisen entstehen und wie man sie verhindert. Sie haben aber auch eine überraschende Erkenntnis parat: Eine Welt ganz ohne Krisen ist gar nicht erstrebenswert.

Von: Martin Schramm / Redaktion: Nicole Ruchlak

Stand: 03.09.2013

Mann stoppt riesige fallende Dominosteine | Bild: colourbox.com; Montag: BR

Die Frage "Sind wir schon drin in der Krise?" ist oft gar nicht so leicht zu beantworten. Die Übergänge sind fließend und Begriffe wie "Krise", "Skandal", "Affäre", und "Katastrophe" oft nicht scharf voneinander zu trennen. Manche Forscher verstehen den Begriff "Krise" als "Alarmzustand", der gerade helfen soll, die Katastrophe zu vermeiden und das Ruder noch herumzureißen. So wie die gelbe Ampel Schlimmeres verhindern soll und den Autofahrer warnt: "Gleich kommt Rot - und wenn Du nicht stoppst, droht die Kollision!“.

Wege in die Krise - oder: Der schwarze Elefant

Behörden und Unternehmen haben allerdings erstaunliche Mechanismen entwickelt, um Krisensignale zu verdrängen und gar nicht erst wahrzunehmen. Etwa das sogenannte "Group Think" - auf Deutsch: "das Verbohrtsein in der Gruppe". Chefs versammeln Mitarbeiter um sich, die sie nicht in Frage stellen oder unbequem nachhaken. Am Ende strebt die komplette Mannschaft dann nur noch nach Harmonie und Einmütigkeit und läuft Gefahr, realitätsferne Entscheidungen zu treffen. Gerade in Familienunternehmen verhindert die Rücksicht auf die "Gruppenharmonie" oft lebensnotwendige Maßnahmen. Man sitzt die Probleme einfach aus. Der Weg in die Krise gleicht so einer schleichenden Vergiftung.

"Es gibt bei uns einen schönen Spruch: In jedem Krisenunternehmen wohnt ein schwarzer Elefant, den niemand mehr wahrnimmt. Es gibt also ein großes Defizit, das das Unternehmen zugrunde richtet, das aber von keinem mehr angesprochen und ausdiskutiert wird."

Dr. Volkhard Emmrich, Restrukturierungsmanager, Dr. Wieselhuber & Partner Unternehmensberatung, München

Krisendiagnosen - oder: Die Bühne der Experten

Nur durch offene Aussprache ...

Während Unternehmen den Ernst der Lage oft viel zu spät erkennen, passiert regelmäßig auch genau das Gegenteil: Alles und jedes wird vorschnell zur Krise erklärt. Dann schlägt die Stunde der Experten - zum Beispiel der Experten vom Bundesinstitut für Risikobewertung in Berlin. Die Fachleute dort müssen entscheiden und bewerten: Gibt es tatsächlich eine akute Gesundheitsgefahr? Gibt es also eine "reale" Krise oder vielleicht nur eine "gefühlte"? Als Ende Mai 2011 eine aggressive Variante des EHEC-Keims auftaucht, rund 3.600 Menschen erkranken und am Ende 53 sterben, ist nicht nur für die Medien, sondern auch für die Experten der Fall klar: Wir haben eine reale Krise, die sich bereits zur Katastrophe ausweitet. Als im gleichen Jahr mit Dioxin belastete Lebensmittel auftauchen, ist die Krise eher medial erzeugt: Aufgeschreckte Bürger fragen besorgt nach, ob Eier bereits in den Sondermüll entsorgt werden müssen. Dabei bestand nie eine konkrete Gesundheitsgefahr.

Doch auch sogenannte "Experten" sind sich längst nicht immer einig, widersprechen sich oder müssen ihre Aussage in kürzester Zeit revidieren. Wissenschaft ist ein Prozess, ist ein mühsames Geschäft - und dabei werden eben keine "unfehlbaren Wahrheiten" am Fließband ausgespuckt. Entscheidend ist, dass Experten mit dieser Unsicherheit offen umgehen, wenn sie Krisensituationen bewerten, sie transparent machen und kommunizieren - und nicht irgendwelche Spekulationen als Fakten verkaufen.

Medien, Laien und Experten liegen in ihren Einschätzungen von Krisensituationen oft auch deshalb so weit auseinander, weil komplizierte Sachverhalte in den Medien vereinfacht und verfälscht werden - beziehungsweise für Nicht-Wissenschaftler einfach verwirrend sind. Wie krisenhaft und bedrohlich wir als Durchschnittsverbraucher Situationen einschätzen, hat wenig mit messbaren, wissenschaftlichen Fakten zu tun. Das hängt eher von psychologischen Faktoren ab, etwa von der Möglichkeit, frei wählen zu können.

"Wenn Menschen wählen können, sind sie entspannter als wenn sie den Eindruck haben, sie werden zu einer Entscheidung mehr oder weniger gezwungen. Sobald man den Eindruck hat, man hat keine Wahl, schnellt das Risikobewusstsein ganz stark nach oben, völlig unabhängig davon, wie hoch das Risiko tatsächlich ist."

Dr. Gaby-Fleur Böl, Bundesinstitut für Risikobewertung, Berlin

Genau hier setzt deshalb gutes Krisenmanagement an: Komplizierte Studien sollten in einfache Sprache übersetzt werden, verbunden mit konkreten, alltagstauglichen Empfehlungen: "Waschen Sie sich gründlich die Hände, so lässt sich der Erreger abtöten!"

Auswege und Irrwege - oder: Abstreiten, verharmlosen und aussitzen

... lassen sich Krisen wirklich bewältigen

Ist die Krise erst mal da, wird sie durch typische Fehlreaktionen oft noch verschärft. Organisationen, Firmen und Behörden sind bisweilen mehr um ihren guten Ruf besorgt als um das Wohl der Menschen. Doch der Schuss geht nach hinten los: Man beschädigt das eigene Image und verliert etwas Entscheidendes: Vertrauen. Ein weiterer Kardinalfehler: Man liefert keine öffentlichen Demutsgesten und geht in gleichgültiger Weise über das Leid der Opfer hinweg. Selten zum Ziel führt schließlich auch die Strategie, das Problem einfach auszusitzen - in der Hoffnung, dass sich die Sache von selbst erledigt.

Gute Krisenmanager gehen die Sache stattdessen aktiv an, gestehen Fehler und Schwachpunkte offen ein und versprechen Aufklärung. Sie suchen aktiv nach einer Problemlösung, die sie dann wieder gezielt nach außen kommunizieren, um Vertrauen zu gewinnen. Und ganz entscheidend: Sie lassen den Worten auch Taten folgen.

"Ein guter Krisenmanager ist ein Krisenmanager, der kleinere Krisen sich im Unternehmen ereignen lässt. Denn wenn sie ihren Job allzu gut machen, dann fehlt irgendwann auch die Sensibilität dafür: Es könnte ja irgendetwas passieren."

Dr. Frank Roselieb, Direktor des Krisennavigator, Institut für Krisenforschung, Kiel

Am Ende haben Krisenforscher auch noch eine überraschende Erkenntnis parat: Eine Welt ganz ohne Krisen, ist nicht nur illusorisch - sie wäre auch alles andere als ideal. Denn zumindest kleine, beherrschbare Krisen halten wach. Und können so helfen, große Krisen zu verhindern. Und am Ende vielleicht sogar Katastrophen.


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