Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Psychotraumatologie Das Trauma der Schuld

Schwere Schuld überdauert jeden Gerichtsprozess, wiegt stärker als eine hohe Strafe. Doch wie kann sich ein Mensch von seiner Schuld und seinen Schuldgefühlen befreien? Eine Frage, mit der sich die Psychotraumatologie beschäftigt.

Von: Antonia Arnold Stand: 05.04.2012

"Schuldhaftes Handeln liegt vor, wenn durch das eigene Handeln oder das Unterlassen anderen ein Schaden zugefügt wird. Darin spielt die Absicht eine Schlüsselrolle", erklärt Dr. Pia Andreatta, Psychologin von der Universität Innsbruck. Doch rund um den Begriff Schuld existieren Graubereiche.

"Es gibt Situationen, in denen jemand wirklich in die Lage kommt, einen Unfall verursacht zu haben, einen Fehler begangen zu haben. Dann ist er mit der Situation konfrontiert, durch einen Moment der Unachtsamkeit etwas sehr Schreckliches verantworten zu müssen."

Pia Andreatta, Psychologin, Universität Innsbruck

Nur eine kurze Unaufmerksamkeit, dann passierte es: Ein schwerer Autounfall, bei dem ein Mensch stirbt. Nicht nur für die Angehörigen des Opfers, auch für den Unfallverursacher bleibt in diesem Moment die Zeit stehen. Bisher ging er als unbescholtener Bürger durchs Leben, plötzlich wird er oder sie zum Verantwortlichen für den Tod eines Menschen. "Das bedeutet einen massiven Riss im eigenen Selbst- und Weltgefüge", erklärt  die Psychotraumatologin Dr. Pia Andreatta von der Universität Innsbruck. Andreatta forscht zur psychischen Situation von Unfallverursachern und deren Umgang mit Schuld.

"Man ist von einem Moment auf den anderen als Schuldiger stigmatisiert. Man erlebt das wie eine Erschütterung des bisherigen Lebensverlaufs. Das bedeutet - abgesehen von der unmittelbaren Schocksituation - mit dieser Verantwortung weiterleben zu müssen."

Pia Andreatta, Psychologin, Universität Innsbruck

Wie geht man um mit dieser Art von Schuld? Wie können geschulte Kriseninterventionsteams auch Unfallverursachern in der Akutsituation beistehen?

Es kann so schnell gehen...

Die Reaktionen von Unfallverursachern sind unterschiedlich. Zwei Beispiele: Manche leiden in der Akutsituation unter so massiven Selbstvorwürfen, dass sie akut suizidgefährdet sind. Bei anderen Verursachern tritt das sogenannte "blaming the victim" - Syndrom auf: Die Schuld wird auf das Opfer geschoben, die eigene Verantwortung nicht anerkannt. So ist es Aufgabe von Kriseninterventionsteams, Seelsorgern und Psychologen, auch dem Unfallverursacher beizustehen und ihm zu helfen, mit Schuld und Schuldgefühlen umzugehen.

Doch wie ist es um das Thema Schuld und Vergebung bestellt, wenn es kein Unfall war, sondern ein bewusst geplantes und begangenes Verbrechen? Wenn jemand tatsächlich vorsätzlich und aus niederen Beweggründen eine schwere Straftat begangen hat? Wie geht man im Strafvollzug mit Schuld und Vergebung um?

"Es gibt Gefangene, die wir anstoßen müssen, sich ihrer Schuld zu stellen. Denn im Gespräch nur beschönigen und den Menschen bemitleiden, das bringt auch nichts. Da kann es schon vorkommen, dass wir Seelsorger versuchen, ihnen einen inneren Spiegel vorzuhalten: 'Stell Dich dem, was Du getan hast!' Denn nach einer gewissen Zeit im Gefängnis kommt die Entschuldungsphase: 'Alle sind schuld, nur ich nicht! Die Gesellschaft ist schuld, die Familie, der Arbeitskollege ist schuld, dass ich im Gefängnis bin!' Und dann heißt es schon: 'Stell Dich mal Dir selber!. Hast Du wirklich keine Schuld auf dich geladen?'"

Pfarrer Kurt Riemhofer, Gefängnisseelsorger, JVA Stadelheim


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