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"Cyberslang" und "Kauder-Websch" Wie neue Medien die Sprache verändern

Chatten, bloggen und twittern sorgt angeblich für den Untergang der deutschen Sprache: Jugendliche beherrschen scheinbar nur noch reduzierte Wortsplitter. Doch wo manche Sprachverfall wittern, beobachten andere ungeahnte Kreativität.

Autor: Markus Mähner / Redaktion: Martin Schramm Stand: 26.01.2012

65 Prozent aller Deutschen denken, die deutsche Sprache verkommt. So das Ergebnis einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach. Und viele glauben bereits, den Grund dafür zu kennen: SMS- und E-Mail-Kommunikation. Chatten, bloggen und twittern, überhaupt: das Internet. Dabei wird heute mehr denn je geschrieben: Nur was früher mündlich ausgemacht wurde, wird heute eben online verhandelt.

Websprache und "Cyberslang"

Oft wird so etwas wie eine Websprache oder "Cyberslang" heraufbeschworen: Eine stark verkürzte, grammatikalisch und lexikalisch unkorrekte Schreibweise, wie sie in den neuen Medien vorkommt. Doch so einfach ist es nicht: Es gibt nicht die eine Websprache. Es gibt genauso viele Sprachstile wie es Möglichkeiten gibt, zu kommunizieren: Sei es per SMS, in der E-Mail, im Chat, im Online-Tagebuch, mit Freunden und Verwandten, mit Geschäftspartnern, Politikern oder Vorgesetzten.

Da ist Sprachgefühl und Sprachgewandtheit gefragt. Denn wir tun auch vieles gleichzeitig: schreiben einen beruflichen Text am Computer, antworten zwischendurch auf eine private E-Mail und befinden uns gleichzeitig noch im Gespräch via Facebook-Chat.

"Es gibt so viele Unterschiede im Netz wie in der realen Welt: die kurzen, reduzierten Formen und die rotzfrech formulierten Kurzkommentare. Aber auch extrem detaillierte Darstellungen, die teilweise sehr schön geschrieben sind, in denen 15-, 16-Jährige sich entsprechend darstellen."

Peter Schlobinski, Linguist, Universität Hannover

Kreativer Umgang mit Spache

Handy, Smartphone und Internet haben uns ganz neue Textformen beschert, die es so vorher noch nie gegeben hat. Besonders innovativ geht es beim chatten zu. Hier ist eine ganz neue Situation entstanden: Mehrere Kommunikationspartner schreiben und lesen zur gleichen Zeit. Der Chat ist also eine Art "geschriebenes Gespräch".

Und deswegen gelten dort auch die gleichen Regeln wie im Gespräch: Man konzentriert man sich auf das Wesentliche. Denn Schreiben dauert einfach länger als Sprechen. Und warum sollte ich so lange warten, bis der andere seinen Gedanken zu Ende getippt hat, wenn ich schon erahnen kann, was er sagen will. Dennoch chatten wir nicht einfach so wie wir im Alltag reden. Es haben sich ganz eigenständige sprachliche Formen entwickelt.

"Eine einfache Variante ist *knuddel* - also: Ich umarme Dich. Das ist in der Chatsprache erweitert worden zu *megaknuddel* oder *dichganzdollknuddel*. Das sind komische Konstruktionen, die wir eigentlich im normalen, gesprochenen Deutsch und auch in der Schriftkommunikation nicht verwenden. Sie haben sich aus Verbformen aus der Comicsprache „ächz“ und „seufz“ weiterentwickelt zu komplexen syntaktischen Konstruktionen."

Peter Schlobinski, Linguist, Universiät Hannover

In der Kürze liegt die Würze

Die Länge einer SMS ist auf 160 Zeichen begrenzt. Die eines Twitter-Beitrags sogar auf 140. Da kann nicht viel um den heißen Brei herumgeredet werden. Doch gerade diese Einschränkung, der Zwang zur Kürze, kann auch zur Stärke werden und kreativ anregen: SMS-Gedicht-Wettbewerbe und Handy-Literatur sind nur einige Beispiele.

Nicht jeder Chat, jede SMS, ist also notgedrungen auch "verhunztes" Deutsch. Es kommt ganz darauf an, in welchem Kontext Jugendliche kommunizieren. Die "Generation Facebook" beherrscht mehr als *knuddel* und *megaknuddel*. Gerade auf Selbstdarstellungsplattformen wie Facebook spielen Jugendliche oft mit der Sprache und gehen kreativ mit ihren Möglichkeiten um.

"So wie man unterschiedliche Kleidung trägt, hat man auch die Möglichkeit, sich unterschiedlich mit Sprache auszudrücken. Man kann auch sprachlich bestimmte Rollen ausprobieren. Ich kann also mit Schriftsprache experimentieren. Das ist etwas sehr Positives."

Peter Schlobinski, Linguist, Universiät Hannover

Literatur-Tipps

  • Peter Schlobinski (Hrsg.): Von hdl bis cul8r. Sprache und Kommunikation in den neuen Medien. Bibliographisches Institut, Mannheim 2006
  • Peter Schlobinski: Von HDL bis DUBIDODO: (K)ein Wörterbuch zur SMS. Bibliographisches Institut, Mannheim 2009
  • Christa Dürscheid, Franc Wagner und Sarah Brommer: Wie Jugendliche schreiben - Schreibkompetenz und neue Medien. De Gruyter 2010