Ein Jahr Guttenberg Plagiats-Affäre hat Wissenschaft verändert
Der Fall Guttenberg hat die Welt der Wissenschaft erschüttert. Jede Menge Debatten, Symposien und Qualitätsoffensiven folgten. Doch Wissenschaft ohne Plagiate bleibt eine Utopie.
Als der Plagiatsverdacht aufkam, waren die Forscher zunächst zurückhaltend, kamen dann aber zu einem Urteil, das umso eindeutiger ausfiel: Für den Bayreuther Jurist Oliver Lepsius etwa stand außer Frage, dass zu Guttenberg betrogen hat. Seine Doktorarbeit: ein dreistes, planmäßig erstelltes Plagiat.
Die verhöhnte Wissenschaft
Weil Angela Merkel zu lange an zu Guttenberg festhielt, warfen ihr außerdem mehr als 30.000 Wissenschaftler in einem offenen Brief die "Verhöhnung" aller wissenschaftlicher Mitarbeiter und Doktoranden vor. Der Wissenschaftsstandort Deutschland würde leiden, das Ansehen des Wissenschaftsbetriebs könnte dauerhaft beschädigt werden.
Es geht also nicht um Bagatellen und kleine Schummeleien, sondern um den Kernbereich wissenschaftlicher Arbeit. Es geht um die Frage der wissenschaftlichen Redlichkeit, denSchutz von Originalität und eigenem Gedankengut - und nicht nur um ein paar Fußnoten zu wenig oder ein paar fremde Buchstaben zu viel. Doch der Fall zu Guttenberg war nicht nur eine Provokation für die Wissenschaft. Er bot auch die Chance zu hinterfragen, was im Wissenschaftsbetrieb falsch läuft.
"Ich habe keinen wissenschaftlichen Assistenten oder einen Promovierenden oder einen Inhaber einer Doktorarbeit berufen, sondern mir geht es um die Arbeit als Bundesverteidigungsminister. Die erfüllt er hervorragend."
Angela Merkel, deutsche Bundeskanzlerin
Die Qualitätsoffensive
Schon bei der Auswahl der Kandidaten für eine Promotion geht es los. Im Zuge der Guttenberg-Affäre haben einige Universitäten ihre "Mindestqualifikation" nach oben geschraubt. Doch am Ende ist immer wieder eines gefragt: der Professor als Pädagoge, der auch die Motivation der Anwärter überprüft. Geht es um wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn oder um persönliche Eitelkeit?
Eine alte Debatte ist daher durch den Fall Guttenberg neu entfacht worden: Sollten Doktoranden besser eingebettet werden, besser begleitet und geführt werden? Viele halten vor allem externe Einzelpromotionen für "plagiats-anfällig", weil die Anbindung an eine Forschergruppe fehlt - und sich die Leute als Einzelkämpfer durchschlagen: "Strukturierte Promotion" heißt das viel diskutierte Zauberwort. Von manchen auch als "verschulte Promotion" beschimpft. Sie soll für mehr Transparenz und weniger Fehlverhalten sorgen. Durch mehr Gespräche, mehr Betreuung und gemeinsame Veranstaltungen sollen Einzelkämpfer zu Teamplayern werden.
Doch vorerst hakt es noch an viel grundsätzlicheren Dingen. Niemand weiß z.B., wie viele Menschen in Deutschland überhaupt wo, seit wann und über was genau promovieren. Immer wieder wird daher eine Art "zentrale Datenbank" gefordert, die beispielsweise auch Abschlussnoten erfassen und so für mehr Transparenz sorgen könnte.
Neben vielen kleineren Details haben einige Universitäten in der Promotionsordnung vor allem eines geändert: Aus einer ehrenwörtlichen Erklärung, dass die Arbeit eigenständig verfasst wurde, wurde eine eidesstattliche Versicherung. Verstöße werden dadurch auch strafrechtlich relevant.
"Die Aufregung müsste viel größer sein. Und das stimmt mich traurig: Ein Jahr danach hat sich nicht viel verändert. Die Universitäten in Deutschland bewegen sich mit glazialer Geschwindigkeit, wenn es hoch kommt drei Millimeter im Jahr."
Prof. Debora Weber-Wulff, Medieninformatikerin, Hochschule für Technik und Wirtschaft, Berlin
Die Plagiatsjäger
Im Kampf gegen Plagiate wird oft ein Mittel als geheime Wunderwaffe gehandelt: mehr oder weniger automatisierte Software, die Plagiate erkennen soll. Die Systeme arbeiten alle nach einem ähnlichen Prinzip: Man füttert die Software mit mehr oder weniger großen Textausschnitten und das System gleicht sie mit unterschiedlichen Quellen ab.
Doch die Programme sind alles andere als eine Wunderwaffe. Meist ist es viel effektiver, gleich selbst via Google zu suchen. Die Software spuckt meist Resultate aus, die weder zuverlässig noch eindeutig sind. Ein Beispiel: die Arbeit von zu Guttenberg selbst. Die Berliner Medieninformatikerin Debora Weber-Wulff hat sie durch mehrere Programme gejagt - mit ganz unterschiedlichen Ergebnissen. Die Plagiatsquote schwankte von nur fünf bis maximal 40 Prozent. Komplette Doktorarbeiten automatisiert zu prüfen, ergibt also keinen Sinn. Die Software ist nur dann hilfreich, wenn man bereits einen konkreten Anfangsverdacht hat. Es bleibt also der Spürsinn des erfahrenen Pädagogen gefragt, beispielsweise stilistische Brüche und irritierende Übergänge zu erkennen.
Besser, flexibler und treffsicherer in der Praxis sind Plattformen im Internet, in der freiwillige Helfer Plagiate untersuchen und ihre Ergebnisse online dokumentieren. Guttenplag ist so eine Plattform. Dort konnte sich jeder selbst ein Bild von zu Guttenbergs Arbeit machen. Textpassagen und Zitate, die aus anderen Arbeiten ohne Quellenangaben übernommen wurden, wurden akribisch aufgelistet. Ohne diese Plattform wäre der Fall Guttenberg nie so schnell und transparent aufgeklärt worden, vermutlich wäre er sogar im Sande verlaufen.
"Es gab ja das Gerede, zu Guttenberg habe sich einfach ein bisschen in der Fußnoten-Technik verirrt. Darum geht es nicht. Es geht um zentrale Werte der Wissenschaft: um die Frage der wissenschaftlichen Redlichkeit, des Schutzes von Originalität und eigenem Gedankengut."
Dr. Robert Paul Königs, DFG, Bonn
Ehrenkodex statt Angst
Was ist also in einem Jahr passiert? Die Bilanz fällt je nach Blickwinkel höchst unterschiedlich aus. Während einige Hochschulen und Verbände sich auf einem guten Weg sehen, sagen andere: alles Aktionismus. Im Kampf gegen Plagiate und wissenschaftliches Fehlverhalten wird man durch Strukturreformen, durch Sanktionen oder Software allein nie weiter kommen. Statt auf Angst und Verfolgung zu setzen, sollte man eine Art Ehrenkodex etablieren - und versuchen die Einstellungen der Menschen selbst zu ändern. Das klingt gut. Doch auch dafür ist bislang kein Patentrezept in Sicht.

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