Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Wenn Gehörlose Kinder kriegen Sprachbarrieren und Wege der Verständigung

Schwangerschaft, Geburt, Kindererziehung - für gehörlose Eltern eine besondere Herausforderung. Dabei bräuchten sie keine spezielle Betreuung, sondern einfach nur Information in Gebärdensprache.

Von: Stephanie Reinke / Redaktion: Susanne Poelchau

Stand: 24.01.2013

Jenny Tran Manh und ihr Mann Andre Sailer können nicht hören. Als Jenny schwanger wird, will sich das Paar auf die Geburt gut vorbereiten. Aber es findet kaum Information in Gebärdensprache - der Sprache, die Gehörlose am besten verstehen.

Gebärdensprachliches Video

Per SMS zur Hebamme

Auch eine Hebamme zu finden ist alles andere als leicht: Jenny hat zehn Hebammen per SMS angeschrieben, telefonieren kann sie ja nicht.

Die einzige Zusage kam von Maryam Reinsch aus dem Hebammenzentrum München. Das Angebot war für das gehörlose Paar perfekt, denn dort gibt es eine Gebärdensprach-Übersetzerin: Edith Nagy, fest angestellte Mitarbeiterin im Hebammenzentrum. Weil sie die Gebärdensprache beherrscht, kommt sie flexibel zu jedem Behandlungstermin als Übersetzerin dazu. Das ist bislang in Deutschland einmalig.

Gehörlose Menschen werden oft vergessen

Dass Gehörlose oft vergessen werden, wenn es um Geburtsvorbereitung, Kreissaal und Wochenbettbetreuung geht, hat auch Esther Sudhoff festgestellt. Sie absolviert den Hebammenstudiengang in Osnabrück. Für ihre Bachelorarbeit hat sie nach wissenschaftlichen Arbeiten gesucht und musste feststellen: Es gibt keinerlei aktuelle Erkenntnisse, wie viele Informationen Gehörlose vor der Geburt und vor allem während der Geburt tatsächlich verstehen.

Hilflos während der Geburt

Bedrückend aktuell ist deshalb noch eine Studie, die bereits 1995 vom Gehörlosenbund erarbeitet wurde. Damals füllten 722 gehörlose Mütter Fragebögen aus. Das alarmierende Ergebnis: Fast die Hälfte der Frauen hatte während der Geburt nur wenig, knapp zehn Prozent gar nichts verstanden. Viel verändert hat sich seitdem nicht. Zur Verbesserung dieser Situation, wären Dolmetscherinnen bei der Geburt eine große Hilfe. Gehörlose Gebärende könnten außerdem auch mehr von den Lippen lesen, wenn das Geburtshilfe-Team dafür sensibilisiert würde.          

Tipps für Kommunikation mit Gehörlosen

  • Den gehörlosen Menschen anschauen und für gutes Licht sorgen
  • Langsam und deutlich sprechen, den Mund beim Sprechen aufmachen
  • Keine langen Sätze
  • Keine Fachbegriffe
  • Gesagtes mit Gesten unterstützen
  • Zettel und Papier - hilft aber nicht immer, denn viele Gehörlose können nicht gut lesen

Sprachbarrieren innerhalb der Familie

Forschungs- und Aufklärungsbedarf gibt es auch nach der Geburt: 90 Prozent der Kinder gehörloser Eltern kommen hörend auf die Welt. In der Fachsprache heißen sie CODA, Children of Deaf Adults.

Sprachforscher waren noch in den 1970er-Jahren überzeugt: Gebärdensprache in der Familie bringt die Kleinen durcheinander. Noch bis vor zehn Jahren riet man deshalb gehörlosen Eltern mit hörenden Kindern, ausschließlich in der Lautsprache zu reden - mit verheerenden Folgen.

"Dadurch dass ich mich damals sehr viel in Lautsprache - also auf Deutsch - ausgedrückt habe, hatte ich sehr schnell das Gefühl, dass meine Eltern Sachen nicht verstehen. Natürlich haben meine Eltern mich verstanden. Aber sie hätten das auf Deutsch nicht ausdrücken können, sondern nur in Gebärdensprache. Die haben sie mit mir aber nicht benutzt."

Sabine Goßner, CODA und Gebärdensprachdolmetscherin

Gebärdensprache und Lautsprache gleichzeitig lernen  

Neuere Studien zeigen: Beim Erwerb der räumlich-visuellen Gebärdensprache laufen die gleichen Mechanismen ab wie beim Erwerb der akustischen Lautsprache. Außerdem weiß man jetzt, dass es für Kinder kein Problem ist, mehrere Sprachen gleichzeitig zu lernen.

Entwicklungspsychologin Charlotte Peter von der Freien Universität Berlin hat ein CODA-Trainingsprogramm entwickelt.

Ihre These: Emotionale Kompetenz wird in Interaktion mit den Eltern erlernt und verläuft auch bei Kindern gehörloser Eltern normal, wenn sie ohne Barrieren kommunizieren, also in Gebärdensprache.

Barbara Hänel-Faulhaber, Professorin für Pädagogik, geht sogar noch einen Schritt weiter. Ihr Wunsch wäre, dass - ähnlich wie in den USA - gebärdensprachliche Grundkenntnisse an allen Stellen des öffentlichen Lebens selbstverständlich sind. Damit kämen gehörlose Menschen wie Jenny Tran Manh und Andre Sailer wesentlich leichter an Informationen. Recht viel mehr brauchen auch sie nicht. In der Gehörlosenkultur gibt es dazu einen Spruch: "Wir können alles außer hören!"

IQ - Wissenschaft und Forschung hat diese Sendung in Gebärdensprache aufgezeichnet und dabei versucht, auditive Klangelemente in visuelle Elemente umzusetzen. Für die Übersetzung eines Hörstücks in ein "Sehstück" haben wir bislang kein Vorbild gefunden. Deshalb freuen wir uns über Anregungen und Feedback.


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