Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Pflanzenfleisch und Laborschnitzel Fleischmassen ohne Massentierhaltung?

Fast 90 Kilogramm Fleisch konsumiert der Deutsche jährlich im Durchschnitt. Doch eine Ernährungsweise mit hohem Fleischanteil verursacht erhebliche Umweltprobleme. Forscher arbeiten deshalb am Fleisch-Ersatz.

Von: Roland Söker / Redaktion: Klaus Uhrig Stand: 10.04.2012

Eine Kalorie aus tierischen Produkten benötigt in der Herstellung sieben pflanzliche Kalorien. Man spricht auch von dem "ökologischen Fußabdruck", den wir in fernen Ländern hinterlassen: Riesige Anbauflächen in Südamerika werden für die Futtermittelherstellung gebraucht, um den westlichen Fleischbedarf zu decken.

"Wir verfüttern an unsere Tiere pro Jahr 4,6 MillionenTonnen Soja. Das muss ja irgendwo produziert werden. Wir belegen in Südamerika eine Fläche in der Größe von Sachsen, um dort Soja anzubauen - mit dem einzigen Zweck, das an unsere Tiere zu verfüttern."

Tanja Dräger de Teran, World Wildlife Fund (WWF) Deutschland

Ein ambivalentes Verhältnis

Wir wollen gar nicht genau wissen, was dahinter passiert

Selbst wenn uns die Werbung die Idylle von grünen Wiesen und romantischem Bauernhöfen immer wieder vorgaukelt: Die Fleischproduktion läuft in industriellem Maßstab, gut abgeschirmt vom Rest unseres Alltags. Eine eigenartige Ambivalenz kennzeichnet unser Verhältnis zu Tieren: Einerseits werden Haustiere verhätschelt, fast vermenschlicht, andererseits kümmert uns das Wohl der Tiere in der Fleischproduktion wenig.

"Wir sehen als Ergebnis unserer Forschung, dass sich dieses Verhältnis in einem Umbruch befindet. Dass dieser Umgang mit Tieren nicht länger so bruchlos akzeptiert wird."

Prof. Birgit Pfau-Effinger, Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, Universität Hamburg

Pflanzenfleisch statt Fleischpflanzerl

Trotzdem sind nur wenige Menschen bereit, auf Fleischprodukte zu verzichten. Forscher arbeiten daher an Fleisch-Ersatz. Er soll schmecken wie Fleisch und auch eine ähnliche Struktur aufweisen, damit der zukünftige Kunde es akzeptiert. Am Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung in Freising-Weihenstephan werden Proteine aus pflanzlichen Erzeugnissen wie Bohnen oder Lupinen gewonnen und zu einer fleischförmigen Masse verarbeitet.

"Grundsätzlich ist es so, dass die Pflanzenbasis ressourcenschonender herzustellen ist als Fleisch: Wir brauchen weniger Wasser, weniger Energie und weniger Flächen im Landbau. Man kann sich eigentlich nur wünschen, dass zumindest ein Teil des Fleischkonsums durch solche Produkte ersetzt werden könnte."

Florian Wild, Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV), Freising-Weihenstephan                                         

Fleisch aus dem Labor

Geschlossene Laborwelt - entsteht hier das Kunstfleisch von morgen?

In den USA und den Niederlanden arbeiten Forscher daran, Muskelfleisch im Labor zu züchten und damit die Fleischproduktion vom Tierleben zu trennen. In der Vergangenheit gab es viele Berichte, und oft scheint es, als stünde die Laborfleischproduktion unmittelbar bevor.

Auch in Deutschland gibt es Wissenschaftler, die sich mit künstlichem Fleisch beschäftigen - allerdings aus ganz anderen Gründen. Robert Zweigerdt von der Medizinischen Hochschule Hannover stellt künstliche Muskelfasern her, um in Zukunft ein geschädigtes Herz wieder zu kurieren, ohne dass der Patient ein Spenderorgan braucht. Die Prinzipien, die er anwendet, gleichen denen der Laborfleisch-Forscher.

Für diese Art von Anwendung ist die Fleischproduktion im Labor vielleicht schon in naher Zukunft möglich - zum Essen bleibt Laborfleisch wohl noch viele Jahre zu teuer. Tausende von Euro für einen Burger? Da erscheint der pflanzliche Fleischersatz der Freisinger Forscher deutlich realistischer.

Literatur-Tipps

  • WWF-Ernährungsstudie: Fleisch frisst Land. Verständliche, mit vielen anschaulichen Grafiken bestückte Studie über den ökologischen Fußabdruck, den unser Fleischkonsum in anderen Ländern erzeugt.
  • Hal Herzog: Wir streicheln und wir essen sie - Unser paradoxes Verhältnis zu Tieren. Hanser-Verlag. Aktuelles Buch über das ambivalente Verhältnis der Menschen zu "seinen" Tieren. Ein Kapitel beschäftigt sich auch mit den Auswüchsen der Fleischproduktion.

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