Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Wer kontrolliert das Wissen? Die Zukunft unserer digitalen Kultur

Das Internet - es steht für freien Zugang zu Wissen und Kultur. Doch jetzt warnen Wissenschaftler und Netz-Aktivisten vor Monopolbildung, Inhaltskontrollen und der Privatisierung unseres kulturellen Erbes.

Von: Klaus Uhrig / Redaktion: Nicole Ruchlak Stand: 06.11.2012

Sie hat längst begonnen, sagen Medienwissenschaftler: die zweite digitale Revolution. Es ist eine Revolution des Wissens und der Kultur. Cloud Computing heißt die Technologie, die gerade alles verändert - auf Deutsch spricht man manchmal auch von "Rechnerwolken". Beim Cloud Computing werden Daten und Software nicht mehr lokal gespeichert, sondern in großen virtuellen Räumen auf weit entfernten Zentralcomputern, sogenannten Cloud-Servern. Wer bisher bei Amazon oder Apples iTunes Store digitale Musik kauft, lädt sich eine Musikdatei auf seinen eigenen Computer. Neuere Musik-Services wie "Spotify" speichern die Musik dagegen zentral auf ihren Servern. Jedes Mal, wenn man einen Song hört, wird er über einen Internet-Datenstrom direkt aus der Cloud gespielt - "Streaming" nennt man das. Ähnliche Dienste gibt es auch im Videobereich. Die Vorteile liegen auf der Hand: Statt seine Festplatte mit vielen Gigabyte Musik oder Filmen zu belasten, streamt der Nutzer Mediendateien aus der Cloud.

Kulturgüter mit Verfallsdatum

Doch diese Entwicklung birgt auch Gefahren. Denn all dieses Wissen, all diese Kulturgüter, sind auf den Rechnern großer Konzerne gespeichert. Und dort bleiben sie auch. Wer früher ein Buch gekauft hat, hat es tatsächlich besessen. Bei Streaming-Diensten bekommt man lediglich ein Nutzungsrecht zugestanden.

Schon jetzt erproben Medienkonzerne und Verlage neue Geschäftsmodelle: Filme mit Verfallsdatum, die sich automatisch löschen; Bücher, die in Bibliotheken nur eine bestimmte Zeit zur Verfügung stehen und dann neu gekauft werden müssen. In den USA gibt es viele dieser Modelle bereits, vor allem bei wissenschaftlichen Fachzeitschriften.

"Es gibt einen fundamentalen Unterschied, wenn wir den Konsum von Kulturgütern in die Cloud verlagern. Wir kaufen nicht mehr etwas, so wie wir’s früher gewohnt waren, wie wir kaufen ein Buch, wir kaufen eine CD, stellen die ins Regal, sondern wir kaufen eine Nutzungslizenz. Diese Nutzungslizenz ist eigentlich nur ein Vertrag und dieser kann einseitig auf Basis von Allgemeinen Geschäftsbedingungen verändert werden. Oder uns kann der Zugang zu diesen Kulturgütern auf einmal verschlossen sein"

. Markus Beckedahl, netzpolitik.org

Internet mit Mauern

Dass wenige Unternehmen den Löwenanteil unserer Kulturgüter verkaufen und die Preise festlegen können, ist problematisch genug. Noch beunruhigender ist allerdings, dass einige dieser Unternehmen moralische Bewertungen dieser Kulturgüter vornehmen: Firmen wie Apple, die aus ihrem Angebot nicht nur illegale Inhalte herausfiltern, sondern vieles, was sie für "anstößig" halten - Sex. Gewalt, aber auch immer wieder politische Inhalte. Möglich wird dies durch die zentralisierte Struktur ihrer Angebote, ob es nun Cloud-Dienste sind oder der streng kontrollierte AppStore für das iPhone.

"Die Firma Apple sagt von sich, dass sie Inhalte kuratiert. Aber dieses Kuratieren sieht aus wie in George Orwells '1984': Regeln und Einschränkungen für Inhalte, die im World Wide Web noch offen verfügbar waren und jetzt auf dem iPhone oder iPad sehr viel schwieriger zu bekommen sind. Apple ist Internet mit einer Mauer außenrum."

Prof. Henry Jenkins, Medienwissenschaftler

"Geist gegen Google"

Als der Internet-Konzern Google 2004 ankündigt, 15 Millionen Bücher digitalisieren zu wollen, ist der Aufschrei in Europa riesig.

Die Feuilletons titeln: "Geist gegen Google", und Jean-Noël Jeanneney, der Präsident der französischen Nationalbibliothek, fordert lautstark eine öffentliche Alternative zum Online-Dienst "Google Books", damit der Konzern kein Monopol auf leicht zugängliches Wissen bekommt. Er hat Erfolg: Ein Jahr später kündigt die Europäische Union eine eigene kostenlose Online-Bibliothek namens Europeana an - mittlerweile ist zumindest eine Vorabversion online. Auch die Bayerische Staatsbibliothek in München digitalisiert in Zusammenarbeit mit Google etwa 800.000 Bücher. Allerdings haben sich die Münchner eine wichtige Konzession von Google erstritten: Sie bekommen eine komplette digitale Kopie. Außerdem werden die digitalen Ausgaben Teil des europäischen Bibliotheksportals Europeana.

Problem Urheberrecht

Um auch im Film- und Musikbereich eine Alternative zu kommerziellen Angeboten zu haben, fordern Kulturschaffende und Netz-Aktivisten jetzt "Kultur-Clouds": Öffentlich kuratierte Kulturspeicher in der Cloud, in denen elektronisch gespeicherte Bücher, Kunstwerke, Filme und Musik für alle Bürger frei zugänglich sind. Allerdings funktionieren solche Portale bisher nur mit frei verfügbaren Werken. Der größte Teil der Kulturproduktion seit Anfang des 20. Jahrhunderts unterliegt aber weiterhin dem Urheberrecht. Der erste Schritt zur "Kultur-Cloud" müsste also zwangsläufig eine Reform des Urheberrechts sein. Eine Reform, die einerseits den freien Zugang zu Kulturgütern garantiert, und andererseits Autoren, Musikern, Regisseuren die Möglichkeit bietet, mit ihrer Arbeit Geld zu verdienen.


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