Unterwasser-Archäologie Tauchen nach versunkener Vergangenheit
Unter Wasser liegt eine weite archäologische Welt begraben, die aus vergangenen Zeiten oft viel Spannenderes erzählt als Fundorte an Land. Doch die Arbeit der Forschungstaucher ist mühsam und langwierig.
Das idyllische Flüsschen Tollense in Mecklenburg-Vorpommern ist zum Ort eines grausigen Fundes geworden. Knochen von 200 Menschen aus der Bronzezeit sind im und am Wasser verstreut. Das Tal ist offensichtlich einst zum Schauplatz einer Schlacht geworden.
Massaker am Fluss
"Bis heute sind mehrere tausend menschliche Knochen aus dem Fluss selbst geborgen worden. Die Zahl der Individuen liegt momentan bei etwas über hundert, und wir haben Schlagwaffen, hölzerne Keulen und eine ganze Reihe von bronzenen Pfeilspitzen."
Dr. Detlev Jantzen, Landesarchäologe, Mecklenburg-Vorpommern
Unterwasser-Archäologen tasten sich kaum zwei Meter unter der Oberfläche vor, um einen Knochen nach dem anderen zu orten. Aber es lohnt sich. Zum ersten Mal haben Archäologen nicht nur einzelne Individuen vor sich, sondern einen zufälligen Bevölkerungsquerschnitt aus der Bronzezeit. Da wird langsam das, wenn auch kriegerische Bild einer Kultur lebendig, die einst die erste in Deutschland gewesen ist.
Versunkene Welt unter Wasser
Immer häufiger sind es Forschungstaucher, die die Reste spannender Szenen aus der Vergangenheit ans Licht bringen. Doch gilt die Arbeit der Kollegen unter Wasser in der Branche noch nicht viel. Erst allmählich dämmert jenen Archäologen, die sich beruflich nie einen Fuß nass machen würden, dass unter der Wasseroberfläche oft mehr archäologisch Interessantes ruht als an Land.
"Das Tyrrhenische Meer ist so reich. Aber die Möglichkeiten, die wir derzeit vor Ort haben, sind, offen gestanden, ziemlich begrenzt, gerade jetzt durch die Finanzkrise. Es gibt so unendlich viele Fundorte und Relikte, um die man sich kümmern müsste."
Prof. Sebastiano Tusa, Chefarchäologe Provinz Sizilien
Gerade die italienischen Archäologen ertrinken förmlich in Antiquitäten, die in Tausenden von Jahren ins Mittelmeer gesunken sind. Rund um Sizilien etwa wimmelt es von alten Schiffswracks. Dabei sind als Rarität zum Beispiel antike Rammsporne aus Bronze ausgetaucht, mit denen sich römische und karthagische Kriegsschiffe gegenseitig geentert haben.
In friedlicher Mission hatten Schiffe Amphoren mit Lebensmitteln geladen, von denen jetzt noch Abertausende im Mittelmeer liegen und die, wenn sie nach wie vor gut verschlossen sind, jetzt noch Getreide, Trockenfrüchte, Olivenöl und Wein enthalten.
Antiker Alltag im Meer
So erzählen Wracks eine Menge über Menschen und deren Lebensweise in der jeweiligen Zeit. So auch in der Ostsee: Jüngst entdeckten Taucher der Universität Kiel Planken des schwedischen Kriegsschiffs "Prinzessin Hedwig Sophia", einer Prachtfregatte, deren Schicksal gut dokumentiert wurde. Danach war das Schiff ab 1700 im Großen Nordischen Krieg eingesetzt. 1715 gerieten die Schweden mit der "Hedwig Sophia" in eine Notlage und versenkten den Großsegler vor dem Hafen von Kiel. Zuvor ließen sie alles Wichtige über Bord gehen, damit es nicht in die Hände der Feinde falle. Heute ist das Wrack und seine Umgebung für Forschungstaucher ein Dorado für immer neue Entdeckungen.
Schiffswracks, untergegangene Städte und Häfen gewinnen oft erst durch Beifunde wie organische Relikte des Alltags ihre wahre Bedeutung. Holz, Leder, Textilien, Nahrungsmittelreste und Knochen, die an Land längst zerfallen wären, halten sich unter Wasser besser, solange sie von Luft abgeschlossen sind.
Tauchen ohne Honorar
"Wir hatten in den letzten Jahren Grabungen unter Eis, wo die Leute bis zu drei Stunden bei Wassertemperaturen zwischen Null und vier Grad gearbeitet haben. Das geht nur, wenn sie mit Leuten arbeiten, die absolut belastbar sind, psychisch, aber auch physisch."
Dr. Martin Mainberger, archäologischer Taucher am Bodensee
Forschungstaucher arbeiten oft im winterlichen Wasser, weil dann die Sichtverhältnisse besser sind. Da friert am Froschmann schon mal manches Gerät ein. Das archäologische Handwerk wird unter solchen Umständen mühsam und verlangt einiges an Durchhaltevermögen ab. Vor allem dann, wenn es kein Geld dafür gibt.
In Bayern ist staatlicherseits die Archäologie insgesamt arm dran, vor allem aber die Unterwasserarchäologie, denn die arbeitet zwar im öffentlichen Auftrag, aber ohne öffentliche Gelder. Der Taucher arbeitet notgedrungen in seiner Freizeit und mit selbst finanzierter Ausrüstung. Ein Glück, dass das Land solche uneigennützigen Enthusiasten hat. Sonst blieben etwa die Pfahlbauten im Starnberger See, die seit kurzem zum UNESCO-Kulturerbe gehören, unbeachtet und ungeschützt.
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Buch-Tipp
Sebastiano Tusa: Versunkene Antike - Faszination Unterwasserarchäologie, Verlag Philipp von Zabern, Darmstadt/Mainz 2011, 79,00 Euro.
Ein Bildband über Altertumsschätze im Mittelmeer mit faszinierenden Bildern und anschaulichen Texten über spektakuläre Funde und die Geschichte der Archäologie im Meer.

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