Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Steinzeitlicher Familienmord Ein 4.500 Jahre altes Verbrechen aufgeklärt

In einer jungsteinzeitlichen Siedlung werden 13 Menschen - Frauen, Männer, Kinder - brutal umgebracht. Archäologen entdecken 4.500 Jahre später die Gräber und rekonstruieren den Fall minutiös mit Hilfe von Kriminalisten des BKA. Ein wissenschaftliches und kriminalistisches Bravourstück.

Autor: Florian Hildebrand / Redaktion: Susanne Poelchau Stand: 15.03.2011

War es ein gewalttätiger Raubzug? Steckten Gebietsrangeleien dahinter oder eine alte Fehde zwischen zwei Dörfern? Die brutal ermordeten Menschen in den steinzeitlichen Gräber von Eulau/Sachsen-Anhalt geben den Fachleuten zunächst Rätsel auf.

Die Archäologen von Sachsen-Anhalt wussten schon seit langem, dass am Saale-Knick nahe Naumburg unter dem Ackerboden uralte Gräber ruhen. Das hatten sie vorsorglich gemachten Luftbildaufnahmen entnommen. Als der örtliche Kiesabbau das Gebiet unter den Bagger nehmen wollte, schritten sie ein.

Massaker der späten Steinzeit

Acht Kinder, drei Frauen und zwei Männer wurden hier bestattet. Kinder und Eltern liegen sich zugewandt.

Was die eilends herbeigerufenen Ausgräber dann zwischen Kies und Sand aufdeckten, machte sie erstmal sprachlos. Sie standen vor vier komplett erhaltenen Gräbern, seit Jahrtausenden unberührt von Räubern oder Tieren. Vor 4.500 Jahren wurden hier acht Kinder, drei Frauen und zwei Männer bestattet.  Die Skelette liegen nicht irgendwie in der Erde, vielmehr sind Eltern und Kinder einander zugewandt, halten sich wie zum Trost im Arm, ein Elternpaar verschlingt die Beine ineinander. Noch deutlich zu sehen sind zum Teil schreckliche Verletzungen am Schädel. Auch der härtestgesottene Ausgräber kann bei diesem Anblick einen Anflug von Rührung nicht unterdrücken. In den vier Gräbern sind Zeugnisse von Liebe und Gewalt gleichzeitig zu sehen, ein geradezu künstlerisches Memento mori.

"Das war sofort klar, dass es sich um einen Mord handelt, weil einige der Skelette massive Schädelverletzungen hatten."

Dr. Norbert Ganselmeier, Archäologe, Halle

Die archäologische Sensation

Die Fundstätte der Sekelette aus der Luft gesehen.

Den Archäologen ist ein Fund von großer Seltenheit gelungen. Alles deutete darauf hin, dass hier das bisher früheste Grab einer Kernfamilie ans Tageslicht gekommen ist. Die sachsen-anhaltinischen Landesarchäologen waren geistesgegenwärtig genug sofort zu entscheiden, die Familiengräber nach allen Regeln der Kunst untersuchen zu lassen und - schließlich ging es hier offensichtlich um eine "Mordgeschichte" - das Bundeskriminalamt einzubeziehen. Das BKA war zwar zuerst erstaunt über dieses Ansinnen, schickte dann aber doch einen Kriminalisten zu Ermittlungen, und war schließlich froh darüber. Denn am Ende konnte das Kapitalverbrechen selbst über Jahrtausende hinweg nach allen Regeln der Tatortanalyse aufgeklärt werden.

Präzise Ermittlungen

Archäologen, Anthropologen, Chemiker, Physiker, Zoologen und Botaniker haben gemeinsam die Spuren des Massakers ausgewertet.

In einer ungewöhnlich intensiven Zusammenarbeit sind Archäologen, Anthropologen, Chemiker, Physiker, Zoologen und Botaniker den Spuren des Massakers nachgegangen. Zunächst war zu klären, wer verwandtschaftlich zu wem gehörte. Archäologen kennen die Zuordnung aus anderen Familiengräbern. Danach sind es nur die leiblichen Kinder, die ihre Eltern anschauen. Kinder, die im Rücken Erwachsener liegen, sind mit diesen nicht verwandt. Die Kriminalisten wollten dafür allerdings handfeste naturwissenschaftliche Beweise. So wurden den Knochen Reste der Erbsubstanz entnommen und miteinander verglichen. Dazu müssen die Knochen natürlich genügend Substanz haben. Es kam heraus: in einem Grab liegt eine komplette Kleinfamilie: Mutter, Vater, zwei leibliche Kinder. Für die Archäologie ist dies eine Sensation, denn dies ist die früheste Kernfamilie, die bisher weltweit ausgegraben wurde.

Wie die Opfer zu Tode gekommen sind, ist offensichtlich. So deutlich sind die Spuren von Streitäxten und Keulen auf den Schädeln der Opfer; die meisten Kinder wurden wohl erwürgt.

"Wir haben Verletzungen bei Kindern entdeckt, denen der Schädel vermutlich durch Äxte eingeschlagen wurde."

Prof. Kurt Alt, Anthropologe, Universität Mainz

Eine alte Familienfehde

Im Zahnschmelz der Ermordeten lag schließlich der Schlüssel zur Aufklärung des Familienmordes. Mit Hilfe der Strontium-Isotopen-Spektroskopie kamen die Fachleute darauf, dass die umgebrachten Frauen nicht ortsansässig waren, sondern aus dem 60 Kilometer entfernten Harz stammten. Die kriminalistische Erfahrung sagte den Spezialisten aus dem BKA, dass hier wohl eine alte Familienfehde ausgetragen wurde.

"Es ist eine ungeheure Tragödie, wenn ein großer Teil des Dorfes ausradiert wird, und ist gleichzeitig ein Versprechen auf zukünftige Rache."

Prof. Harald Meller, Landesarchäologe, Sachsen-Anhalt

Zu sehen sind die vier Gräber im Originalzustand und aufwändig aufgehängt als Highlight im Museum für Vor- und Frühgeschichte Halle.

Buchtipp

Harald Meller, Arnold Muhl und Klaus Heckenhahn: Tatort Eulau: Ein 4.500 Jahre altes Verbrechen wird aufgeklärt. Theiss-Verlag, Stuttgart, 2010