Forschung im Auftrag der Stasi Diplom in Horch, Guck und Mord
Die Stasi der DDR galt als perfider Unterdrückungsapparat und war gleichzeitig einer der effektivsten Geheimdienste der Welt. Eine eigene Hochschule half, das schmutzige Handwerk des Spitzels und Spionierens mit wissenschaftlichen Mitteln zu perfektionieren.
Die Juristische Hochschule des Ministeriums für Staatssicherheit (JHS) war so geheim, dass sie nicht einmal im offiziellen Hochschulverzeichnis der DDR auftauchte. Hinter hohen Zäunen in dem abgelegenen Potsdamer Ortsteil Golm zog die Stasi ihre künftigen Leitungskader heran. Über 3000 Studenten lernten in Seminaren und Vorlesungen das gesamte Arsenal geheimpolizeilicher und geheimdienstlicher Arbeit. Nach acht Semestern schrieben sie ihre Diplom-Arbeiten über Themen wie „die Erfassung und politisch-operative Bearbeitung kriminell gefährdeter Bürger, Arbeitsbummelanten, arbeitsscheuer und asozialer Elemente“ oder darüber, wie man Spione in die bundesdeutsche Polizei einschleust, die später den Verfassungsschutz ausspionieren sollen.
Akademischer Adel einer Geheimpolizei
Auch einfachere Themen, wie man Telefone abhört und Post unbemerkt öffnet, wie man die Mitarbeiter von Firmen und Behörden überprüft, um gegnerische Spione zu entlarven bekamen die Stasi-Studenten in wissenschaftlich-bürokratischer Sprache vermittelt.
"Es war nicht alles nachprüfbar, was ja eine Hauptvoraussetzung für die Wissenschaftlichkeit ist. Und diese Arbeiten waren Verschlussache. Selbst ein Student der Hochschule konnte Diplomarbeiten oder Dissertationen seiner Kommilitonen nicht ohne weiteres lesen."
Günter Förster, ehemaliger Mitarbeiter der Stasi-Unterlagenbehörde
Die Arbeit von Spitzeln und Spionen akademisch zu adeln und sogar mit Doktortitel auszuzeichnen scheint auf den ersten Blick ungewöhnlich, entsprach aber in den 60er Jahren, als die Staatssicherheit ihre Ausbildungsstätte zu Hochschule aufwertete, dem Zeitgeist: Der Glauben an den wissenschaftlichen Fortschritt im Sozialismus war ungebrochen. Psychologen an der Stasi-Hochschule entwickelten perfide Strategien, das Verhalten von Menschen zu steuern, die Studenten spielten mit den Gefühlen von Menschen, als wären sie Schachfiguren.
"Zum Beispiel eine Republikflucht, ein Standardthema, was wir da hatten: Ist das etwas Persönliches? Ist da eine Liebesgeschichte im Hintergrund? Wenn ich die Beweggründe kenne, habe ich die Möglichkeit, durch Gestaltung von Bedingungen. Dann kann ich sagen: Ok, dann versuche ich, diese Liebesbeziehung zu stören, bringe möglicherweise, wenn mir das so viel Wert ist, eine andere Person ins Spiel, und dann geht die Absicht, Republikflucht zu machen, möglicherweise zurück."
Rolf Grabowski, ehemaliger Dozent
Verschlusssachen ersticken die Freiheit der Wissenschaft
Ex-Stasi-Dozent Grabowski beharrt darauf, dass die Stasi-Hochschule auch jenseits von Repressions-Maßnahmen fundierte Forschung betrieb, etwa zu Gesprächsführung bei Geiselnahmen. Unabhängige Wissenschaftler bestätigen, dass sich die JHS-Wissenschaftler durchaus auch Themen widmeten, die nicht auf der Agenda des DDR-Wissenschaftsbetriebes standen.
"Es gab in der sozialistisch-kommunistischen Bewegung eine große Mystifizierung des wissenschaftlichen Fortschritts. Und gerade in den 60er-Jahren in der DDR wurde das sehr großgeschrieben, die WTR, die wissenschaftlich-technische Revolution war sozusagen das Schlagwort des Jahrzehnts."
Jens Gieseke, Historiker
Den Wissenschafts-Kriterien einer demokratischen Gesellschaft hält die ideologische Forschung und Lehre an der Stasi-Hochschule dennoch kaum stand: die Forschungsarbeiten waren nicht öffentlich zugänglich und die Datenerhebung nicht nachprüfbar. Lehrmaterial wurde in Tresoren verschlossen, Fragen zu Referaten mussten vorher eingereicht werden. Zur Vorlesung marschierten die Studenten in Zügen und in Uniform. Das strenge militärische Regiment hemmte die Freiheit der Forschung, erstickte Eigeninitiative. „Die Wissbegierde der Studenten dort war relativ begrenzt“, resümiert der Historiker Jens Gieseke.
Zersetzung – das Wissen der unsichtbaren Unterdrückung
Dank der Juristischen Hochschule schaffte es die Stasi dennoch, nahezu alle Bereiche der geheimpolizeilichen und geheimdienstlichen Arbeit zu perfektionieren. Die Hochschule steht damit für einen Strategiewechsel vom offenen stalinistischen Terror der Stasi in den 50er-Jahren – hin zu unsichtbaren Methoden der Unterdrückung gegen Ende der DDR, als deren Führung auf gutes internationales Ansehen auch wirtschaftlich angewiesen war. Die Hochschule entwickelte nun die „operative Psychologie“, Andersdenkende wurden mit der neuen Geheimwaffe „Zersetzung“ drangsaliert. Ziel: Sie in Lebenskrisen zu bringen, damit ihnen die Kraft für staatsfeindliche Aktivitäten fehlten. Die Klaviatur reichte vom Telefonterror bis zum Zerstören der beruflichen Karriere.
„Ich muss akzeptieren, dass ich an der Zerstörung von Biografien mitgewirkt habe“, sagt Grabowski, der die Grundlagen der operativen Psychologie gelehrt hat, heute. Trotz dieses hohen Preises konnte die Staatssicherheit den Erhalt der DDR nicht sichern – auch nicht mit dem massiven Ausbau des Überwachungsapparats durch Inoffizielle Mitarbeiter oder immer feinere systematische Unterdrückungsmethoden. Die Politik der DDR konnte ihren Bürgern letztlich keine Perspektiven mehr bieten. „Ich glaube, dass es daher von innen heraus ein sehr starkes Zerbröseln gegeben hat, auch bei den Menschen, die im Studium waren an der Juristischen Hochschule.“

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