Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Mumien in Europa Unerhörte Zeitzeugen im Labor

Mumien gibt es nicht nur in Ägypten. Man findet sie auch in Europa: in Kirchen, Klöstern und Grüften. Doch nicht nur Menschenhand, vor allem die Natur hat hierzulande Leichen vor dem Zerfall gerettet. Es gibt sogenannte Trockenmumien, aber auch Mumien, die in Mooren oder im Eis konserviert wurden.

Autor: Prisca Straub Stand: 20.09.2011

Rosalia Lombardo ist ein Publikumsmagnet: Sie ist die bekannteste Mumie Siziliens. Die makellose Zweijährige aus der Gruft des Kapuzinerklosters in Palermo sieht seit gut 90 Jahren so aus, als würde sie friedlich schlafen - pausbäckig, die Augen halb geöffnet, eine Schleife im blonden Haar. Sie gilt als die schönste Mumie der Welt. Die Kunstfertigkeit, mit der der Leichnam von Rosalia konserviert wurde, ist verblüffend. Auf Röntgenbildern kann man erkennen, dass Gehirn, Leber und Lungenflügel trotz Austrocknung erhalten geblieben sind.

Trockenmumien - "Ein bisschen so wie altes Dörrobst"

Künstlich geschaffene Mumien wie die berühmte sizilianische Kindermumie sind in Europa allerdings die absolute Ausnahme. Anders als beispielsweise in Ägypten, wo man Körper traditionell ausgeweidet und einbalsamiert hat. In Europa sind Mumien so gut wie immer durch die besonderen Umstände ihrer Aufbewahrung entstanden - mal absichtsvoll, mal aus Zufall.

Die zahlreichen Kirchen- und Gruftmumien aus dem 17. bis 19. Jahrhundert, auf die Besucher überall in Europa stoßen, sind das vergleichsweise wenig aufwändige Ergebnis eines einfachen Trocknungsprozesses: niedrige Temperaturen, wenig Feuchtigkeit, eine gute Luftzirkulation. Als Grabbeigabe wurden manchmal Holzspäne mit in den Sarg gelegt, um die Dehydrierung des Körpers zu beschleunigen.

"Es gibt viel mehr Mumien in Europa, als man eigentlich annehmen würde. Sehr berühmte Mumien wie den Ötzi in Bozen. Allein in Italien gibt es Tausende von Kirchen und Gruftmumien. Die meisten haben das besondere Klima und die Trockenheit mumifiziert. Man darf auch nicht die Moorleichen vergessen, die vor allem im Norden Europas gefunden werden."

Professor Albert Zink, Institut für Mumien und den Iceman, EURAC Bozen

Besonders adlige Familienmitglieder ließen sich seit der Barockzeit in Grüften trocknen. Doch an absichtsvolle Mumienherstellung dachten die betuchten Familien eher nicht. Es ging ihnen rein pragmatisch darum, die Familie auch über den Tod hinaus dauerhaft beisammen zu halten. Und so eine Familiengruft war eine präsentable Angelegenheit.

Totenruhe - Wie neugierig darf die Nachwelt sein?

Wer mit Mumien forscht, der fragt sich immer auch, wie weit er gehen darf. Der Umgang mit menschlichen Überresten ist ein diffiziles Thema: Wissenschaftliche Neugier auf der einen und der Anspruch auf Totenruhe auf der anderen Seite scheinen sich manchmal auszuschließen. Grundsätzliche Antworten zum Umgang mit Mumien zu geben, scheint schwer zu sein. Am Ende muss jeder Einzelfall für sich beurteilt werden.

"Den Körper in eine Röhre zu schicken, um ein CT zu machen oder zu Röntgen, das tut dem Körper nichts. Solche Untersuchungsmethoden sind unproblematisch. Wenn ich Proben entnehme und ein Stück des Körpers zerstöre, muss ich mir schon Gedanken machen."

Dr. Dirk Preuß, Institut für Geschichte der Medizin, Universität Gießen

Ötzi - "Der bestuntersuchte Patient aller Zeiten"

Mumienforschung, das bedeutet immer auch, Einzelschicksale zusammenzutragen. Mumienforschung kann aber noch viel mehr: Es geht um kulturübergreifende Einblicke in ganze Epochen. Keine Mumie hat dieses Versprechen besser eingelöst als der 5.300 Jahre alte Mann vom Hauslabjoch, besser bekannt auch als "Ötzi". Ausgerechnet Mumien sind inzwischen also ein durchaus lebendiges Archiv menschlicher Alltagsgeschichte. Und sie erlauben sogar Nahaufnahmen in Zeiten, die gar nichts Geschriebenes hinterlassen haben. So können einzelne Mumien sogar Stellvertreter für ganze Epochen werden.