Zellen fürs Labor Wie Henrietta Lacks Medizingeschichte schrieb
Bis heute wuchern Zellen der 1951 gestorbenen Henrietta Lacks in Labors weltweit. Ihnen verdankt die Medizin riesige Fortschritte und Pharmafirmen große Profite. Ein Lehrstück für Ethik in der modernen Medizin.
Die Geschichte von Henrietta Lacks und ihrer Zellen beginnt an einem kalten Januarmorgen in Baltimore. Widerwillig begibt sich die junge Afroamerikanerin nach plötzlichen Blutungen in die Johns-Hopkins-Klinik. Lacks, fünffache Mutter, hat eigentlich andere Sorgen. Zudem herrscht in den USA noch Rassentrennung: Die Welt der Medizin - weiß wie die Doktoren und ihre Kittel - ist nicht ihre Welt.
Gewebeentnahme ohne Einwilligung
Ein Gynäkologe stellt die Diagnose: Gebärmutterhalskrebs. Vor Beginn der Bestrahlung entnimmt der Mediziner befallenes Gewebe auf Geheiß von George Gey, der das Zellkulturlabor der Klinik leitet. Lacks selbst erfährt nichts von diesem Schritt, der die moderne Medizin verändern wird.
"Der Fall Henrietta Lacks ist skandalös, weil mit ihr an keiner Stelle geredet wurde. Die Forscher haben nach heutigen Maßstäben völlig inakzeptabel gehandelt. Aber nach damaligen Maßstäben war das üblich. Man hat die Patienten damals gar nicht gefragt."
Prof. Urban Wiesing, Institut für Ethik und Geschichte der Medizin, Universität Tübingen
Zellkulturforscher Gey lässt Patienten damals massenhaft Gewebe entnehmen. Wie viele Wissenschaftler weltweit arbeitet er fieberhaft, aber erfolglos daran, Zellen außerhalb des menschlichen Körpers zu vermehren. Die Zellen in der Petrischale aber, die Gey mit „HeLa“ beschriftet hat, verdoppeln sich binnen einen Tages. Und sie hören nicht auf sich zu vermehren. Es ist ein Durchbruch, der die medizinische Wissenschaft verändern wird.
"Man kann mit diesen Zelllinien Untersuchungen machen, die man sonst gar nicht durchführen könnte, weil man am Menschen ja keine Experimente machen kann. Wenn Sie zum Beispiel die Toxizitäten von Industrieprodukten überprüfen wollen, will man auch weg von Tierversuchen."
Prof. Claus Scheidereit, Krebsforscher, Max-Dellbrück-Centrum für molekulare Medizin, Berlin
Durchbruch der modernen Medizin
Der Immunologe Jonas Salk hat in den 1950er Jahren einen Impfstoff gegen die damals grassierende Kinderlähmung entwickelt, in großem Umfang testen kann er ihn erst dank HeLa. Erstmals helfen HeLa-Zellen, viele Leben zu retten. Und das Polio-Experiment elektrisiert Forscher weltweit: Sie injizieren Herpes, Masern und Mumps in HeLa-Zellen und erforschen, wie die Viren Zellen kapern, sich reproduzieren und verbreiten. Dank der HeLa entwickeln Forscher schließlich auch Aids-Medikamente und etliche Therapien gegen Krebs.
Gibt es ein Recht am eigenen Gewebe?
So kometenhaft der Aufstieg der HeLa-Zellen, so rasant verläuft der Abstieg der Lacks: Hernietta stirbt an Krebs und ihre Familie gerät in eine Abwärtsspirale aus Armut und Gewalt. Während dank HeLa die Kommerzialisierung humanbiologischem Materials beginnt, können die Lacks kaum ihre Medikamente bezahlen. Von der Forschung an den Zellen ihrer Mutter und den Geschäften darum erfahren sie zufällig, finanzielle Ansprüche sind längst verjährt. Als die Wissenschaftsautorin Rebecca Skloot diese Geschichte erkunden will, sind die Lacks wütend und enttäuscht, der Graben zur Welt der Wissenschaft scheint unüberbrückbar.
"In der Lacks-Geschichte stecken drei aktuelle Fragen: Ob und wie ein Patient einwilligen muss, wenn an entnommenem Gewebe geforscht wird. Wenn jemand aus diesem Gewebe Profit schlägt: Bekommt er dann einen Anteil? Einer der wichtigsten Punkte ist schließlich die Kommunikation von Wissenschaft: Wie Wissenschaftler ihre Arbeit dem breiten Publikum vermitteln. Aber auch, ob die Menschen sich gegenüber der Wissenschaft öffnen."
Rebecca Skloot, Autorin 'Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks'
Die Fragen, die die Lacks-Geschichte birgt, sind aktueller denn je: In den USA fällten Gerichte vor nicht allzu langer Zeit mehrere umstrittene Urteile. Millionen Blutproben mussten vernichtet werden, weil Patienten wegen unrechtmäßiger Verwendung durch Forscher geklagt hatten.
Literatur-Tipp
Rebecca Skloot: Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks. Irsiana, München 2010

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