Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Auf Schritt und Tritt Erkenntnisse aus der Fußgängerforschung

Vor 40 Jahren wurde die Münchner Fußgängerzone eingeweiht. Für Wissenschaftler sind Fußgänger nicht zuletzt Forschungsobjekt. Aus ganz unterschiedlichen Blickwinkeln beschäftigen sie sich mit dem Zu Fuß Gehen.

Von: Roland Söker / Redaktion: Gerda Kuhn Stand: 03.07.2012

"Lange Zeit wurde das Thema Fußgänger gar nicht verfolgt von Verkehrswissenschaft und Planung. Es steckt ja auch keine Verkehrsbranche dahinter, die damit Geld verdient."

Jörg Thiemann-Linden, Deutsches Institut für Urbanistik (DifU), Berlin

Seit einigen Jahren kann die Verkehrsforschung den Fußgänger nicht mehr ignorieren. In der bundesweiten Erhebung "Mobilität in Deutschland" aus dem Jahr 2008 zeichnet sich eine Trendumkehr ab: Während der motorisierte Verkehr nach langem, kontinuierlichen Aufstieg nach 1998 leicht abnahm, legte der lange rückläufige Fußgängerverkehr im selben Zeitraum leicht zu. Knapp ein Viertel aller Strecken werden heute zu Fuß zurückgelegt - vor allem in den Innenstädten.

"Früher hat man gesagt, die Innenstadt braucht möglichst viele Parkplätze. Inzwischen sagt man, die Parkplätze sind eher hinderlich. Man möchte vielmehr, dass die Leute sich draußen aufhalten können. Das ist Lebensqualität, das ist Stadtqualität. Die zu Fuß Gehenden machen eigentlich die Stadtqualität aus."

Daniel Sauter, Urban Mobility Research, Zürich

Promenadologie - Spazierengehen als Wissenschaft

Rote Ampeln: Ein Hindernis für Fußgänger ...

Zu Fuß Gehen kann sogar eine Forschungsmethode sein. In den 1980er-Jahren entwickelte der Kasseler Soziologe Lucius Burkhard die Promenadologie, zu Deutsch: Spaziergangs-Wissenschaft. Dabei geht es darum, die Umwelt wahrzunehmen - nicht in erster Linie Objekte, denen man begegnet, beispielsweise einzelne Bauwerke. Im Zentrum des Interesses steht vielmehr die Frage, wie sich Menschen in einer urbanen Landschaft bewegen, und wie sie diese in ihrem Alltag nutzen.

"Die Promenadologie hat ihren Ursprung im bürgerlichen Spaziergang des 18./19. Jahrhunderts, als man noch gehen musste. Dann kam irgendwann die Eisenbahn, später S- und U-Bahn - man wird immer schneller und blendet das Dazwischen eigentlich völlig aus."

Stefanie Hamann, Promenadologin, München

Simulieren geht über Flanieren

... grün sind sie - gefühlt - nicht so häufig

Wenn man in der Betrachtung vom einzelnen Individuum abrückt, werden Fußgänger zu Strömen. Will man Großveranstaltungen oder Orte mit vielen Fußgängern planen, können die zu erwartenden Fußgängerströme am Computer simuliert werden. Dabei fällt den Wissenschaftlern auf, dass sich Fußgängerströme ganz ähnlich verhalten, wie Flüssigkeiten oder ähnliche physikalische Phänomene.

"Es ist natürlich so, dass man diese physikalischen Gesetze nicht immer eins zu eins auf Fußgänger übertragen kann, da Menschen individuelle Entscheidungen treffen. Aber das Gesamtbild kann man schon recht gut mit physikalischen Gesetzmäßigkeiten erklären."

Gregor Lämmel, Technische Universität, Berlin

Zu Fuß Gehen als Gesundheitsförderung

Zu Fuß zu gehen ist die natürliche Fortbewegung des Menschen

Über die gesundheitliche Wirkung des Zu Fuß Gehens gibt es bislang nur wenige Studien. Die Sportwissenschaft beschäftigt sich lieber mit dem Leistungssport als mit alltäglichen Bewegungsabläufen. Dabei deutet vieles darauf hin, dass regelmäßiges, zügiges Zu Fuß Gehen positive Wirkung auf die Gesundheit hat.

"Es geht vor allem darum, im Alltag aktiv zu sein. Und da ist das Zu Fuß Gehen die leichteste Möglichkeit. Aber sie wird uns schwer gemacht durch unsere Lebensumfelder und unsere Wohngebiete, so wie sie entstanden sind in den letzten Jahrzehnten."

Gunnar Geuter, Landeszentrum Gesundheit Nordrhein-Westfalen

Der Fußgänger wird an Bedeutung gewinnen - aus gesundheitlichen, aus verkehrsplanerischen und aus stadtsoziologischen Gründen. Das lässt sich schon heute aus den einzelnen Forschungsergebnissen ablesen. Die Erkenntnisse aus den verschiedenen Wissenschaftsdisziplinen stärker zu verknüpfen, könnte die Attraktivität des Zu Fuß Gehens entscheidende Schritte voranbringen.

Lesetipps

  • Gunnar Geuter & Alfons Hollederer (Hrsg.): Handbuch Bewegungsförderung & Gesundheit. Huber Verlag
  • Lucius Burckhardt: Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft. Martin Schmitz Verlag
  • Studie Mobilität in Deutschland 2008 - Zusammenfassung beim Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung

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