Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung


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Der deutsche Wald 300 Jahre nachhaltige Fehlentwicklung

Die Deutschen lieben ihren Wald. Fragt sich nur welchen Wald. Zwar sind sich alle einig: Statt Monokulturen Mischwald. Doch wenn es ins Detail geht, um Waldpflege, Baumalter, Wildbestand, enden alle Gemeinsamkeiten.

Von: Johannes Kaiser / Redaktion: Susanne Poelchau

Stand: 08.10.2013

Die Zahl der Waldarbeiter schrumpft ständig, seit große Baumerntemaschinen, Harvester eingesetzt werden, die die Bäume absägen, entasten und entrinden. Ihr Einsatz ist umstritten, weil sie den Waldboden stark verdichten. Damit aber wird das Bodenleben massiv gestört und das Wachstum der Bäume gebremst. Zudem sinkt die Kapazität, Wasser zu speichern bis zu 95 Prozent. Das hat fatale Folgen, so Förster Peter Wohlleben:

"Wenn eine große Maschine den Tank plattfährt, den Boden, und der kaum noch Wasser speichert, dann dursten die Bäume im Sommer und stellen dann quasi die Holzproduktion ein."

Peter Wohlleben, Förster

Die jüngsten Flutwellen sind auch ein Resultat verdichteter, humusarmer Waldböden, die Regen nicht mehr speichern.

Sturmschäden minimieren, Laubbäume pflanzen

Die Stürme der letzten Jahrzehnte haben gezeigt, dass Fichten und Kiefern, die nur flach wurzeln, starken Windböen schlecht standhalten. Ganze Schläge fielen um. Nach zwei Jahren kam es auf diesen Flächen regelmäßig zu wahren Borkenkäferinvasionen. Forstbetriebe bundesweit beklagten die enormen wirtschaftlichen Schäden, räumten mühsam das Bruchholz aus dem Wald, sannen auf Abhilfe. Seit damals lautet die offizielle Devise: Mischwald.

Bäume schützen, Wildbestand senken

Dramatisch ist der Verbiss in den Wäldern. Das Wild bevorzugt junge Laubbäume, so der ehemalige Forstamtsleiter Dr. Georg Meister:

"Rehe bevorzugen Pflanzen mit weichen Blättern. Ein Lindenblatt ist viel weicher wie die Nadeln einer Fichte. Bäume mit spitzen Nadeln bleiben übrig in dieser Vegetation."

Dr. Georg Meister, Forstamtsleiter

Da sich statt fünf bis zu 50 Stück Reh- und Rotwild auf einem Quadratkilometer Wald tummeln, haben Laubbäume keine Chance hochzukommen. Sie gesondert zu schützen ist sehr teuer. Damit bleibt der so lautstark gepriesene Mischwald pure Theorie. Die Praxis sieht anders aus. Intensivere Jagd, wie sie einige Forstämter betreiben, wäre eine Lösung.

Statt Waldpflege Sich-Selbst-Überlassen

Seit der Bestand an Laubbäumen wächst, ist umstritten, wie intensiv man in den Wald eingreifen muss, um möglichst gut gewachsene und damit auch wertvolle Bäume zu bekommen. In den kommunalen Wäldern von Göttingen, Mölln und Lübeck hatte man vor gut 20 Jahren über zehn Prozent der Fläche aus jeglicher Nutzung herausgenommen, sie sich also selbst überlassen. Das Ergebnis war verblüffend. Die Bäume wuchsen auch ohne Pflege perfekt heran. Bisweilen ist die Natur sogar der beste Förster, wie man im Nationalpark Bayrischer Wald nach den Sturmschäden der letzten Jahre beobachtet hat.

"Wir haben eine ganz vehemente, ganz vitale Naturverjüngung mit über 4000 jungen Baumindividuen pro Hektar. Das ist also das Doppelte, was ein Förster auf der gleichen Fläche pflanzen würde."

Nationalparkchef Dr. Franz Leibl

Kohlendioxidspeicher Wald

Die Wälder nehmen Kohlendioxid auf. Je älter der Wald wird, je länger man die Bäume stehen lässt, desto mehr Kohlendioxid können sie speichern. Das jedenfalls haben Untersuchungen an den kommunalen Wäldern ergeben, in denen die alten Bäume in den letzten 20 Jahren nicht geschlagen wurden. Dabei hat man festgestellt, dass die sich selbst überlassenen Baumbestände bis zu 40 Prozent mehr Kohlenstoff speichern als vergleichbare Wirtschaftswälder. Man vermutet, dass das Baumwachstum möglicherweise durch den erhöhten Kohlendioxidgehalt der Luft angeregt wird und durch die zusätzliche Düngung durch Stickstoff, den die Landwirtschaft und der Verkehr in die Luft abgeben.

Anpassung an den Klimawandel: Nichtstun

Der Klimawandel bedroht allerdings auch die Wälder. Glaubt man den Klimaforschern, drohen mehr Klimaextreme mit Starkregen und Stürmen, wärmeren Wintern und trockeneren Sommern.

Buchenwald

Während viele Forstwirte auf die nordamerikanische Douglasie setzen, weil sie mit geringen Niederschlägen und hohen Temperaturen gut zurechtkommt, halten andere Buchen für die bessere Lösung. Um festzustellen, welche der rund 35 Baumarten, die wir in Mitteleuropa haben, mit den steigenden Temperaturen und den Klimaextremen am besten zurechtkommen, bräuchte man unberührte Referenzflächen, also Naturreservate und Nationalparks. Mindestens zehn Prozent des deutschen Waldes sollten aus der Bewirtschaftung genommen wird. In Bayern ist das bislang nicht der Fall.

Buchtipps

  • Georg Meister/Monika Offenberger: Die Zeit des Waldes, Zweitauendeins, 2004
  • Georg Meister: Die Zukunft des Waldes – Warum wir ihn brauchen, wie wir ihn retten, Westend, 1.10.2013
  • Peter Wohlleben: Der Wald – Ein Nachruf, Ludwig Verlag 2013

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