Bayern 2 - IQ - Wissenschaft und Forschung

Angst-Therapien Der Feind in mir

Angst kennt jeder: Herzrasen, schwitzige Hände, Atemnot - alles ganz normal und in der Regel innerhalb von wenigen Minuten wieder vorbei. Doch bei manchen Menschen wird die Angst zum ständigen Begleiter. Zum Glück lassen sich Ängste gut behandeln.

Von: Yvonne Maier / Redaktion: Gerda Kuhn Stand: 19.07.2012

Im Leben von Kerstin Fischer (Name geändert) war eigentlich alles in Ordnung: Sie führte eine glückliche Ehe, hatte zwei gesunde Kinder und war gerade wieder in ihren Beruf als Lehrerin zurückgekehrt. Doch seit einiger Zeit litt sie an Ängsten.

"Ganz diffuse Ängste, keine konkreten Ängste vor bestimmten Dingen, sondern mehr Angstgefühle, die ich nicht zuordnen konnte. Und das wiederum hat die Angst noch mehr verstärkt."

Kerstin Fischer, Betroffene

Kerstin Fischer litt an einer sogenannten Panikstörung. Dabei treten plötzlich massive Panikattacken mit intensiven Angstgefühlen auf. Das Paradoxe: Objektiv hat die Angst meistens keinen konkreten Grund, aber subjektiv erleben die Betroffenen nicht selten sogar Todesangst; für sie wirkt die Panikattacke wie eine lebensbedrohliche Situation. Sie haben Herzrasen, Atemnot, manchmal auch Schmerzen.

Hervorgerufen wurden Kerstin Fischers Ängste durch den Druck, den sie sich selbst machte: Sie wollte eine perfekte Mutter, Ehefrau und nun auch noch eine erfolgreiche Lehrerin sein. Das führte zu enormem Stress, der irgendwann bei ihr - wie aus heiterem Himmel - die Panikattacken verursachte.

Angst vor der Angst

Ganz konkret: Angst vor Spinnen

Die bekanntesten Angststörungen sind sicherlich Spinnen- ,Flug- oder Platzangst. Hier gibt es einen konkreten Auslöser - beispielsweise eben die Spinne oder ein geplante Reise mit dem Flugzeug. Alle Formen der Angst haben etwas gemeinsam: Sie führen zu einem Vermeidungsverhalten. Und damit wird die Situation zu einem echten Problem, sagt Psychiater Nico Niedermeier aus München.

"Vermeidung ist sinnvoll, wenn es um hochgefährliche Reize geht, wie giftige Skorpione in der Sahara. Aber wenn wir natürlich anfangen, Aufzüge zu vermeiden, U-Bahnen zu vermeiden, dann weiß man, dass Vermeidungsverhalten expansiv ist: Das bedeutet, man beginnt mit der U-Bahn, dann überlegt das Gehirn, ein Aufzug ist so was Ähnliches, dann vermeidet man irgendwann das Aufzugfahren, dann ist der nächste Schritt, dass das Gehirn sagt: Aber aus dem Kino komme ich auch nicht raus, und dann sagt's: Und die Oper ist noch viel schlimmer! Und dadurch wird die Angsterkrankung viel, viel schlimmer."

Nico Niedermeier, Psychiater

Doch bei Menschen mit Panikstörungen ist ein sogenanntes Vermeidungsverhalten relativ häufig;  oft gehen sie  beispielsweise seltener aus dem Haus, weil sie nicht wissen, wann die nächste Panikattacke kommt. 

Die Suche nach dem Angstauslöser

Ängste lassen sich gut therapieren

Die Therapieform, die bei Angststörungen am vielversprechendsten ist, ist die kognitive Verhaltenstherapie. Sie geht davon aus, dass Ängste erlerntes Verhalten sind - und dass man sie folglich auch wieder verlernen kann. Dazu muss sich der Patient aber mit dem Angstauslöser konfrontieren, zum Beispiel mit der Spinne. Bei Kerstin Fischer war der Angstauslöser aber gar nicht so leicht zu finden. Erst in der Therapie hat sie gelernt, dass das ständige Sich-Sorgen-Machen, das Gedankenkreisen und ihr Stress ihre Ängste hervorgerufen haben.

Nasenspray gegen die Angst

Literaturtipps:

* Doris Wolf: Ängste verstehen und überwinden. Wie sie sich von Panik, Angst und Phobien befreien. Pal-Verlag 2011 (Äußerst praxisnaher Ratgeber)
* Lucinda Bassett: Angstfrei leben. Das erfolgreiche Selbsthilfeprogramm gegen Stress und Panik. Beltz-Verlag 2000. (Mehr Biografie als Ratgeber)

Forscher suchen auch ganz neue Methoden, um der Angst Herr zu werden. Dabei könnte ein körpereigenes Eiweiß, Neuropeptid S, weiterhelfen. Aus Mäuseversuchen weiß man, dass dieses Eiweiß direkt im Gehirn angstlösend wirkt. Das Problem: Neuropeptid S überwindet nicht die sogenannte Blut-Hirn-Schranke, den äußerst engen Schutzwall des Gehirns. Ulrike Schmidt vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München hat einen Ausweg gefunden, und zwar ein Nasenspray.

"Also, die Nase und das Gehirn - das ist eine recht alte, zusammenhängende Struktur, da gibt es so eine Lücke, die manche Substanzen überwinden können. Das kann nicht jede Substanz, aber Neuropeptid S kann das erstaunlicherweise auch. Es geht ins Gehirn, verteilt sich dort, und wirkt angstlösend."

Ulrike Schmidt, Psychiaterin, Max-Planck-Institut für Psychiatrie

Bislang wurde das Nasenspray zwar nur bei Mäusen getestet, dort hat es aber einwandfrei funktioniert.

Ängste kann man wieder loswerden

Kerstin Fischer ist ihre Ängste, zwei Jahre nachdem sie das erste Mal aufgetreten waren, wieder vollständig losgeworden.

"Was ich jetzt Angstpatienten unbedingt sagen möchte ist - was man in der Akutphase nicht denkt - dass es wieder gut wird. Das geht nicht von heute auf morgen, und es ist auch so, dass vielleicht Symptome irgendwann wieder im Leben auftauchen werden, je nachdem, in welcher Situation man ist. Aber nicht mit dieser Schärfe, eben weil man das alles schon einmal durchgemacht hat und weiß, dass man wieder ganz normal wird. Und das macht mir auch keine Angst mehr, ich habe keine Angst mehr vor den Symptomen. Sie ärgern mich manchmal, ich möchte sie nicht haben, um Gottes Willen. Aber das ist nichts, wovon ich mich von irgendetwas abhalten lasse."

Kerstin Fischer, Betroffene


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