Bayern 2 - Hörspiel und Medienkunst


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Jan St. Werner transaxélectroacoustique

Stand: 07.12.2012

Hörspiel Pool Download "transaxélectroacoustique": Black Manual mit Jan St. Werner | Bild: Thomas Knöfel

"Der Ort, an dem getanzt wird", "Haus der Initiation", oder "Versammlung" – dem Wort Candomblé werden zahlreiche Bedeutungen zugesprochen. Zuallererst ist Candomblé jedoch eine Religion, die sich verbreitete, als afrikanische Sklaven, vor allem der Ethnie der Yoruba, nach Brasilien verschleppt wurden. Eine Religion, die bis in die 1970er Jahre in Brasilien verboten war, die von der katholischen Kirche lange Zeit als Teufelswerk verurteilt wurde, auch oder gerade weil sie Elemente des Katholizismus integriert. Zugleich ist Candomblé tief im Profanen verwurzelt – eine weltliche Religion, die in ihrer Wirkung auf das Außerweltliche zielt, das Transzendente aufrufen will, in der die Grenze zwischen Ritus und Alltag zwar existiert, aber nicht fest fixiert ist. Man könnte auch sagen: Candomblé ist ein multimediales Kunstwerk, das aus Tänzen, Musik, besonderem Essen und rituellen Gesten besteht; eine Form der Zusammenkunft und Gemeinschaft, eine Kraft und Dynamik (axé), die vermehrt werden möchte, gerade auch durch die Atabaques – rituelle Fasstrommeln – die "sprechen" können (a fala dos atabaques) und über eigene Kräfte verfügen. Candomblé ist eine Besessenheit, die dem Menschen dienlich und als Auszeichnung zu verstehen ist, oder auch: eine "allumfassende Musik", wie es Jan St. Werner formulierte, nachdem er zum ersten Mal einer Candomblé-Zeremonie beiwohnte. Dabei kam der Wunsch auf, die Musiker mit anders gearteten musikalischen Strukturen zu konfrontieren – mit komplexen Klängen, die kaum metrisch oder harmonisch fassbar sind.

Jan St. Werners abstrakte Soundgebilde übersetzten die Candomblé-Musiker direkt in ihre musikalische Sprache, lernten sie auswendig und generierten daraus eigene Texturen. Nach einer ersten gemeinsamen Performance, die mehr als vier Stunden dauerte, finden die Musiker als Black Manual nun ein zweites Mal im Rahmen der vierteiligen, von Jan St. Werner konzipierten Veranstaltungsreihe Das Asymmetrische Studio im Kunstverein München e.V. zusammen: In den Räumen des Kunstvereins, wie auch in der daraus entstehenden radiophonen Ursendung, zerfließen die Grenzen zwischen Weltlichem und Außerweltlichem, verbinden sich Dynamiken der Lautsprecherkompositionen mit der live gespielten Instrumentalmusik, bäumen sich Klänge auf, zerfließen Rhythmen zu Geräuschen und lassen dabei mit den improvisatorischen Mitteln einer Live-Performance zwischen Konzert, Soundinstallation und Zeremonie Material für ein Radiostück entstehen.

Jan St. Werner: transaxélectroacoustique

Konzeption und Realisation: Jan St. Werner/Black Manual
BR/Kunstverein München 2013, Länge: ca. 54’ | Download zur Ursendung

Jan St. Werner, geb. 1969, Komponist und Musiker. Gründungsmitglied von Mouse On Mars. 2005-2007 künstlerischer Leiter von Steim, Institut für elektronische Musik und Interfacetechnologie, Amsterdam. 2009 Kompositionen für das Streicherensemble Kaleidoskop (Lumio, UA Radialsystem 2010, Fetzen 1-20, UA Klangwerkstatt 2010). 2010 Kompositionsauftrag Chicago Symphony Orchestra (Skik Field, Mouse On Mars & Chicago Symphony Orchestra, UA MusicNOW Chicago), 2010 Kompositionsauftrag der Philharmonie Köln (Paeanumnion, Mouse On Mars & Musikfabrik, UA Philharmonie Köln, September 2011). 2005 Buchveröffentlichung "Vorgemischte Welt" mit Klaus Sander (Suhrkamp).


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