Die Weiße Rose/Der Zitherspieler Formen des Erinnerns
Zwei Produktionen im Hörspielprogramm 2012/1 setzen sich höchst unterschiedlich mit dem Widerstand gegen das Hitlerregime auseinander.
Zwei Ursendungen im Programm 2012/1 setzen sich höchst unterschiedlich mit dem Widerstand gegen das Hitlerregime auseinander: Katrin Seybold und Michael Farin produzieren das Dokumentarhörspiel Die Weiße Rose; der Musiker Georg Glasl realisiert das dem Attentäter Johann Georg Elser gewidmete Hörstück Der Zitherspieler. Der Frage nach neuen Formen des Erinnerns und Gedenkens steht eine immer wieder zum Vorschein kommende Kontinuität der Verleugnung historischer Ereignisse gegenüber, die im Windschatten des Pluralismus das kulturelle Gedächtnis und das Selbstverständnis der post-totalitären Gesellschaft zu erschüttern versucht. Die Kontinuität dieser Negation unterstreicht die Notwendigkeit, den gesellschaftlichen und künstlerischen Diskurs fortzusetzen und auch das Phänomen des Leugnens selbst genauer zu betrachten.
Löschversuch. Ein Reisebericht
Auf seiner Fahrt von Wien nach Venedig wurde der Reisende, wie er hier genannt wird, zweimal aus seinen die Lagunenstadt umkreisenden Phantasien gerissen: Der erste Reiseabschnitt, den er mit der Bahn zurücklegte, führte über die Orte Mürzzuschlag und Bruck an der Mur und weckte Assoziationen an Elfriede Jelineks „Privatroman“ Neid, der den Todesmarsch am Gebirgspaß Präbichl, abseits dieser Bahnlinie, etwa 25 km nordwestlich von Leoben, im April 1945 in Erinnerung ruft: mehr als 10.000 Juden wurden im Fußmarsch über die steirische Eisenstraße ins KZ Mauthausen getrieben, dabei wurden 200 Menschen nahe der Bergbaugemeinde Eisenerz vom örtlichen Volkssturm erschossen. Der zweite Reiseabschnitt, ab Villach, sollte mit dem Bus bewältigt werden. Hier kam der Reisende neben einer, wie sich herausstellte, 73-jährigen, redelustigen Dame aus Wiener Neustadt zu sitzen, mit der sich ein verschiedenste Themen streifendes Gespräch ergab; die Konversation hätte bis Venedig fortdauern können; doch eine beiläufige Bemerkung beendete abrupt alle Oberflächlichkeit: ob es überhaupt diese Lager gegeben habe, wisse man nicht. Man sei ja nicht dagewesen. Und viele Juden seien ja davor (Anmerkung: also bevor möglicherweise nichts geschehen sei) „weggegangen“, sie, „die Juden“, „konnten ja weggehen“ (sollte heißen: selber schuld, wer dageblieben ist, doch siehe oben: es ist ja gar nichts geschehen). – Ein Löschversuch nach der Auslöschung, eine pathologische Rhetorik, ein Gewaltakt innerer Verdrängung.
Konstruktionen des Geschehens
„Die Gesellschaft stellt sich die Vergangenheit je nach den Umständen und je nach der Zeit in verschiedener Weise vor: sie modifiziert ihre Konventionen.“ Dies schrieb der französische Soziologe Maurice Halbwachs, der später im Konzentrationslager Buchenwald ermordet wurde, in den 1920er Jahren. Demzufolge sind Geschichte und Geschichtsschreibung alles andere als statische Angelegenheiten, und das „kollektive Gedächtnis“ – ein von Halbwachs geprägter Begriff – ist mehr mit der Konstruktion von Vergangenheit beschäftigt als mit ihrer Rekonstruktion. Die Geschichte des Verleugnens und die Infragestellung von Konzentrations- und Vernichtungslagern nahmen ihren Anfang nicht mit dem Raunen der Besiegten, das nach 1945 einsetzte; sie begann wesentlich früher, im Augenblick und im Angesicht der Ereignisse und Taten, die sich in aller Öffentlichkeit vollzogen: am helllichten Tag wurden die Häftlinge am Bahnhof in Dachau 1944 aus den Waggons kommandiert, wie etwa der französische Archäologe und Widerstandskämpfer Jean Lassus später erinnerte: „Genau gegenüber von uns waren kleine Mädchen mit ihren Schulranzen, Kinder auf dem Weg zur Schule. Sie beobachteten. Sie sahen, wie die Waggons geöffnet wurden.“ Es gab hinreichend öffentliche Indizien für den Vernichtungskrieg im Osten und für die Verbrechen gegen die Juden und andere Opfergruppen, wie auch die 2011 veröffentlichten Tagebücher des Sozialdemokraten Friedrich Kellner zeigen. Kellner notierte ab 1938 seine Eindrücke, „damit eine spätere Zeit nicht in die Versuchung kommt, ein ‚großes Geschehen’ daraus zu konstruieren.“ Dazu sollte es nach der militärischen Niederlage Hitler-Deutschlands nicht mehr kommen. Doch schon bald regten sich Stimmen mit dem Postulat, einen „Schlußstrich“ zu ziehen – Verdrängung von Schuld hier, diffuse Sehnsucht nach dem kollektiven Gedächtnisverlust dort. Opferzahlen wurden heruntergerechnet oder in Vergleichen zwischen faschistischen und stalinistischen Völker- und Massenmorden marginalisiert.
Kulturelles Gedächtnis
Als eine „Epochenschwelle“ bezeichnete der Kulturwissenschaftler Jan Assmann 1992 die Gegenwart, die mit den neuen elektronischen Medien eine kulturelle Revolution erlebe, die „an Bedeutung der Erfindung des Buchdrucks und vorher der der Schrift“ gleichkomme; gleichzeitig gehe etwas zu Ende, „was uns viel persönlicher und existentieller betrifft: Eine Generation von Zeitzeugen der schwersten Verbrechen und Katastrophen in den Annalen der Menschheitsgeschichte beginnt nun auszusterben.“ Filmemacher wie Claude Lanzmann, Katrin Seybold und Thomas Harlan haben noch rechtzeitig Stimmen, Aussagen, Bilder und Erinnerungen der Zeitzeugen audiovisuell festgehalten. Katrin Seybolds über ein Jahrzehnt sich erstreckende Recherchen schlugen sich in ihrem ausgezeichneten Film Die Widerständigen. Zeugen der Weißen Rose (2008) nieder; sie sind auch die Grundlage des zweistündigen, vielstimmigen Dokumentarhörspiels Die Weiße Rose, das neue Aspekte dieses herausragenden Kapitels des deutschen Widerstands darstellt.
Ganz anders stellt sich die Quellenlage im Falle des Attentäters Johann Georg Elser dar, der keine Selbstzeugnisse zu seinem versuchten Bombenattentat auf Hitler am 8. November 1939 im Münchener Bürgerbräukeller hinterlassen hat. Aus Gestapo-Protokollen läßt sich Elsers Hauptmotiv rekonstruieren: „Ich hab den Krieg verhindern wollen.“ Das Fehlen von Selbstzeugnissen Elsers, das Nicht-Vorhandensein autonomer Selbstaussagen ist der Ausgangspunkt von Georg Glasls Hörstück Der Zitherspieler, das in Zusammenarbeit mit Sabine Reithmaier entsteht.
Herbert Kapfer

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