Bayern 2 - Hörspiel


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Kathrin Röggla Normalverdiener

Stand: 05.08.2016

Kathrin Röggla | Bild: picture-alliance/dpa

Hörspiel des Monats Juli 2016

"Sie hätten etwas sagen, sie hätten etwas tun sollen: Aber sie haben nichts gesagt, und sie haben nichts getan: diese Gruppe von 'Normalverdienern', Ärzten, Architekten, Juristen, Agenturbesitzern, Existenzgründern, die auf Einladung ihres ehemaligen Schulkameraden in dessen Luxusresort auf einer thailändischen Insel ein paar Tage Urlaub machen und in der Faszination für IHN, der es mit Geldgeschäften zu sagenhaftem Reichtum gebracht hat, komplett aufgehen. Dass ER nicht auftritt und nur ein-, zweimal im Hintergrund am Telefon zu hören ist, ist in Kathrin Rögglas Hörspiel 'Normalverdiener' folgerichtig: Der Finanzmogul erscheint als der Gott unserer Zeit, auf den die Vertreter der Mittelschicht mit Angstlust starren wie das Kaninchen auf die Schlange. Er gibt den Ton an, er beherrscht die Diskussionen, er entscheidet, was knallharte Realität ist und was naives Gutmenschentum - obwohl oder gerade weil er akustisch abwesend ist: Und so fällt alles zurück auf den mehrstimmigen Chor der Feiglinge und Mitläufer, die noch nicht einmal reagieren, als die Leichen von Bootsflüchtlingen vor der Küste angeschwemmt werden, und sich statt dessen mit den fadenscheinigsten Rechtfertigungen vor der Verantwortung drücken. Kathrin Rögglas Verfahren, das Personal ihres Hörspiels fast durchgehend im Konjunktiv sprechen zu lassen, ist entlarvender als jeder kritische Diskurs und jede Psychologisierung. Ihr Zugriff auf Sprechweisen, die ungefiltert ins Ohr dringen, macht sich die Möglichkeiten des akustischen Mediums in besonderer Weise zunutze. Mit dieser subjektlosen ästhetischen Methode zielt 'Normalverdiener' ins Herz der globalen Ökonomisierung aller Lebensverhältnisse."

Jurybegründung der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste

Sie sind Architekten, Unternehmer, Lebenskünstler oder Bankrotteure. Sie stehen im Leben, manchmal daneben, wissen um die Anforderungen des Alltags und um ihre verlorenen Ideale. Sie sind Großstädter mit mehr oder weniger intakten Erwerbsbiographien. Karsten und Sandra, Tine und Normann, Sven, Johannes, Ueli oder Gebhart. Und so heterogen ihre Werdegänge sind, so unterschiedlich ihre Geschichten sich anhören, eines schweißt sie zusammen: sie sind anders als ER, der alte Freund, der es inzwischen zu sehr viel Geld gebracht und jetzt eine Einladung ausgesprochen hat. Für ein paar Tage soll es in seinem luxuriösen Ferienressort zum Wiedersehen kommen. Eine Gelegenheit, die sie, die Normalverdiener, einfach nicht ausschlagen können. Und die Chance, sich diese Welt der spekulativen Großgeschäfte, des Luxus und des unstillbaren Narzissmus einmal aus der Nähe anzusehen. Doch anders als erwartet bleibt der großzügige Gastgeber meistens abwesend. Er entzieht sich den Freunden, denen so nichts anderes übrig bleibt als über ihn zu reden und dabei vor allem sehr viel von sich selbst zu verraten. Die behauptete Distanz zum größenwahnsinnigen Geschäftsmann wird in ihren Reden genauso relativ wie der vermeintliche Abstand zur narzisstischen Selbstbespiegelung. Letztlich erweisen sich die Normalverdiener, die sich so gerne als Opfer sehen würden, längst als Teil des Systems, das sie vordergründig verurteilen. Die Fähigkeit, die Umwelt und sich selbst mehr oder weniger unverzerrt wahrzunehmen, ist ihnen nämlich genauso abhanden gekommen wie ihrem alten Freund. Als sich diese Umwelt in Form äußerst katastrophischer Realität ins Bild vom Ferienidyll zu schieben beginnt, sind die Normalverdiener schon lange keine Opfer mehr.

"Ein Stück, in dem das Reden über Geld mit dem Schweigen über Geld zusammenkommen soll; eine Beschwörung der Finanzkraft von Seiten des untergehenden Mittelstandes, eine Verdrehung der Opfer-Täter-Optik, wie es nur in diesem Milieu vorkommen kann. Ein Stück, in dem die Rede über Märkte andauernd vorhanden ist, auch wenn es scheinbar um anderes geht, in dem die Marktfiktionen ohne banale Offensichtlichkeit ihre Arbeit verrichten können, ein Stück, in dem sich auf atopische Weise die Psychologie dieser Märkte mit ihren Störungsformen zeigt und wie sie längst in einer unheimlichen Machstruktur aufgehen."

Kathrin Röggla

Kathrin Röggla: Normalverdiener

Mit Martin Engler, Leslie Malton, Verena Unbehaun, Severin von Hoensbroech, Cornelius Schwalm, Heiko Scholz, Georg Scharegg, Ulrich Peltzer, Tony de Maeyer

Komposition: Bo Wiget
Regie: Leopold von Verschuer
BR 2016

Kathrin Röggla, geb. 1971, österreichische Autorin. Prosa, Theatertexte, Essays. Theaterstücke u.a. die beteiligten (2009), worst case (2010, Nestroy-Theaterpreis Bestes Stück – Autorenpreis). BR-Hörspiele u.a. really ground zero – anweisungen zum 11. september (2002, Radio-Preis der RIAS Berlin Kommission 2003), die alarmbereiten (2009, Hörspiel des Monats August 2009), publikumsberatung (2011, Hörspiel des Monats Januar 2011), die unvermeidlichen (2012), Lärmkrieg (2014).


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