Bayern 2 - Hörspiel


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Elfriede Jelinek Das schweigende Mädchen

4 Teile

Stand: 29.09.2015 | Archiv

Brigitte Hobmeier  | Bild: BR/Ulrike Kreutzer

Im Anfang war das Wort. Zumindest im Anfang der christlichen Heilsgeschichte wie sie vom Evangelisten Johannes überliefert ist. Das Gegenteil davon, nämlich das Schweigen, steht bei Elfriede Jelinek im Anfang einer pervertierten Heilsgeschichte. Was nicht heißt, dass die Autorin nicht doch beim Wort, bei der Sprache und vielfach Geschriebenem ankommen würde.

Seit dem 6. Mai 2013 läuft in München der sogenannte NSU-Prozess, einer der wichtigsten Gerichtsprozesse der deutschen Nachkriegsgeschichte. Dabei geht es um zehn überwiegend rassistisch motivierte Morde und zwei Sprengstoffanschläge der rechtsextremen Terrorgruppe „Nationalsozialistischer Untergrund“. Mehr als zwölf Jahre konnte die Gruppe diese Verbrechen relativ unbehelligt von zuständigen Ermittlern und Behörden ausführen.

Vor dem Oberlandesgericht in München steht die letzte Überlebende dieser Gruppe, Beate Zschäpe, und schweigt. Diejenige, die detailliert über die Verbrechen der Gruppe sprechen könnte, verweigert sich, bleibt stumm.

"Beredtes Schweigen: Beate Zschäpe schweigt jetzt seit über 200 Verhandlungstagen. Wie aber erzählt man eine Geschichte, deren Zentrum sich beharrlich der Aussage verweigert? Jelinek tut es und ruft Engel und Propheten (und am Ende sogar Gott) als Zeugen auf, um hier Licht ins Dunkel zu bringen. So wird der Prozess jenseits der auftragsgemäßen Wahrheitsfindung zum Jüngsten Gericht. Jelinek öffnet den Fokus über die konkreten Taten der Terrorzelle hinaus, um eine Geschichte zu befragen, die nicht erst begann, als die drei Neonazis in den Untergrund abtauchten. Die Wurzeln dieser Geschichte reichen viel tiefer in unsere deutsche Vergangenheit zurück und wuchern durch eben das ‚beredte Schweigen‘ der Verhandlung munter in die Zukunft weiter. ‚Beredtes‘ Schweigen stellt für den juristischen Laien zunächst einen Widerspruch dar. In der juristischen Fachsprache hingegen liegt ‚beredtes Schweigen‘ vor, wenn dem Schweigen durch ausdrückliche vertragliche Vereinbarung ein Erklärungswert zukommen soll. Und wie anders sollte man das ‚Schweigen‘ der an vielfacher Stelle mit der Geschichte der Terrorzelle verflochtenen Staatsschützer und ihrer Verbindungsmänner (V-Mann) verstehen, denn als stillschweigende Verabredung zum Schutz seiner selbst und der vor Gericht kompromittiertenstaatlichen Institutionen."

Leonhard Koppelmann

Gegen das Schweigen setzt Jelinek das Sprechen. Stimmen der Anklage, der Befragung und Abwägung genauso wie Stimmen der Verdrängung, der Beschönigung und Überhöhung.

Auf der Grundlage von Prozessprotokollen, Ermittlungsakten, Medienberichten, mythologischen und religiösen Motiven entfaltet Jelinek ein Jüngstes Gericht, in dem sich Perspektiven überlagern, die Geschichte der Zwickauer Zelle zur Erzählung über zwei tote Erlöser und die sie gebärende schweigende Jungfrau und zur Antithese der biblischen Heilsgeschichte wird.


Ein Tribunal gegen das Schweigen, das Nicht-Wissen, das Wegschauen, das sich zugleich selbst entlarvt als verstrickt in dieses Nicht-Wissen und Wegschauen. Zu Wort kommen ein vielstimmiges Volk, verkündende Engel, unwissende Propheten, ein fragender Richter, der Menschensohn, die Jungfrau Maria und Gott höchst selbst. Dazwischen auch die Stimme der Autorin, die anklagt, spricht und schreibt, aber „die Wahrheit schon gar nicht“. Allesamt treten sie vor, um eine Geschichte zu befragen, in der sich Nicht-Wissen und Wissen-Wollen unheilvoll verschränken und deren Wurzeln weit ins Unbewusste der deutschen Seele hineinreichen.

"Wenn ihr dran bleibt an meinem Wort, dann müsst ihr womöglich noch meine Jünger werden, nein, das seid ihr noch nie, diese Gefahr besteht nicht, eine andre Gefahr besteht, dass ihr nämlich die Wahrheit erkennen werdet und die Wahrheit euch freimachen wird, wie die Jungfrau die Briefe mit Marken freigemacht hat. So frei! Freier geht’s nicht. Aber von mir könnt ihr sowas nicht erwarten. Ich schreibe keine Briefe mehr und die Wahrheit schon gar nicht."

Elfriede Jelinek

Elfriede Jelinek: Das schweigende Mädchen

Mit Brigitte Hobmeier, Stefan Hunstein, Jonas Minthe, Wolfgang Pregler, Johannes Silberschneider, Edmund Telgenkämper, Stefan Wilkening, Elfriede Jelinek

Komposition: zeitblom
Regie: Leonhard Koppelmann
BR 2015 | Download zur Ursendung

Elfriede Jelinek, geb. 1946 in Mürzzuschlag/Steiermark, lebt in Wien und München. Lyrik, Prosa, Theatertexte, Libretti, Drehbücher, Hörspiele u.a. Wien West (NDR/WDR 1972), Die Bienenkönige. ein science-fiction hörspiel (SDR/RIAS 1976), Porträt einer verfilmten Landschaft (SDR 1977), Jelka. Eine Familienserie (Folge 9-16) (SWF 1977); Die Jubilarin (BR 1977), Die Ausgesperrten (SDR/BR/RB 1978, SDR 1990), Was geschah, nachdem Nora ihren Mann verlassen hatte oder Stützen der Gesellschaft (SDR 1979), Frauenliebe – Männerleben (SWF/hr 1982), Die Klavierspielerin(SWF 1988); Burgteatta (BR/ORF 1991), Präsident Abendwind (BR 1992); Wolken.Heim (hr/RB/SFB 1992), Stecken! Stab! und Stangl! – Eine Leichenrede(ORF/BR/NDR 1996), Todesraten. Hörstück nach zwei Monologen von Elfriede Jelinek (BR 1997, Hörspiel des Monats Juni 1997), er nicht als er (BR 1998); Der Tod und das Mädchen II (SBST/ZKM 2000), Das Schweigen – Vox Feminarum(ORF 2003), Jackie (BR 2004, Hörspielpreis der Kriegsblinden 2004), Moosbrugger will nichts von sich wissen (BR 2004), Bambiland(BR 2005), Erlkönigin (WDR 2005), Sportchor (BR 2006), Ulrike Maria Stuart (BR 2007), Bukolit (BR 2009), Über Tiere (Burgtheater Wien/ORF 2009), Rechnitz (BR 2011), Neid(BR 2012), Kein Licht. (BR 2012), Die Straße. Die Stadt. Der Überfall (BR 2013), Die Schutzbefohlenen (BR 2014), Wirtschaftskomödie (BR/DKultur 2015).


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