Bayern 2 - Hörspiel


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Helmut Heißenbüttel Zwei oder drei Porträts

Stand: 09.02.2017 | Archiv

Helmut Heißenbüttel | Bild: picture-alliance/dpa

Veranstaltung: Donnerstag, 16.02.2017, 19:30 Uhr

Helmut Heißenbüttel: "Zwei oder drei Porträts" (1970 und 2016)
Präsentation und Diskussion von Heißenbüttels Hörspiel "Zwei oder drei Porträts" in der Originalversion von 1970 und der Neuinszenierung 2016. Mit Herbert Kapfer (Leiter BR Hörspiel und Medienkunst), Ulrich Lampen (Regisseur) und Klaus Ramm (Literaturwissenschaftler).

Akademie für gesprochenes Wort
Haußmannstraße 22, 70188 Stuttgart

Donnerstag, 16.02.2017, 19:30 Uhr
Eintritt 10 Euro | erm. 8 Euro

"Woraus setzt sich das Bild eines Menschen zusammen? Aus Eindrücken oder aus Sätzen?"

BR Ankündigung 'Zwei oder drei Porträts', 1970

Zwei oder drei Porträts 1970

Mit dieser Frage kündigte der Bayerische Rundfunk 1970 das erste Hörspiel Helmut Heißenbüttels an: Zwei oder drei Porträts. Der Büchner-Preisträger hatte nämlich der Hörspielredaktion – zu der Zeit noch eine kleine Provokation – nur eine Ansammlung von Sätzen geliefert, auf beliebig viele Sprecher zu verteilen: keine Rollen, keine Handlung, sondern nur Gerede, unbestimmte Aussagen, stereotype Beschreibungen, Widersprüche und Wiederholungen. Die Redefetzen scheinen zuerst einen Kunstkritiker zu umkreisen, dann eine zweite Person, einen jungen Maler, und anschließend stellte Heißenbüttel die Frage, ob sich „vielleicht aus Teilen dieser beiden Porträts ein noch künstlicheres drittes bilden“ ließe.

Als die Produktion dann überraschend den renommierten Hörspielpreis der Kriegsblinden erhielt, bestand Heißenbüttel darauf, dass der Dramaturg Hansjörg Schmitthenner und der Regisseur Heinz Hostnig mit ihm gemeinsam als Autoren ausgezeichnet wurden, denn die beiden hatten – mit Schere, Klebstoff und stereophoner Phantasie – aus dem Textmaterial heraus tatsächlich zwei Porträts und nebenbei ein neues drittes entstehen lassen: ein ernstes und amüsantes Spiel mit den Mechanismen unseres tagtäglichen Sprechens und mit der Illusion von der Identität des Subjekts, das in seinen satirischen Obertönen auch die kulturpolitische Situation um 1968 anklingen ließ.

Zwei oder drei Porträts 2016

Zwanzig Jahre nach dem Tod von Helmut Heißenbüttel, der in Theorie und Praxis die Entwicklung des Hörspiels in der Bundesrepublik maßgeblich geprägt hat, werden die Zwei oder drei Porträts noch einmal zur Diskussion gestellt: in der Originalversion von 1970 mit einem kurzen Essay von Klaus Ramm, der die ungewöhnliche Entstehungsgeschichte nachzeichnet, und vor allem in einer neuen, aktuellen Fassung. Wie sieht im Jahr 2016 ein Hörspiel aus, das sich noch einmal auf Heißenbüttels Versuchsanordnung einlässt und das im Archiv entdeckte und rekonstruierte Ausgangsmaterial von damals verwendet?

"die fragen beginnen noch, bevor das stück beginnt. portraitiert dieser text von heißenbüttel nun einen, zwei oder drei menschen, oder ist gar der begriff personen (rollen) angemessener? die worte des autors helfen wenig, je länger man liest und hört, je mehr geraten einem die ersten worte – als erste worte – aus dem gedächtnis; das ist doch alles schon mal gesagt worden, sicher in einem anderen zusammenhang, aber es ist doch bekannt? mit welchen worten fing diese sendung denn nun noch einmal an? es wird montiert, gereiht, in beziehung gesetzt, rhythmisiert und eben wieder-holt. so ein bindestrich hilft, im schriftbild auf die vielfache bedeutung der repetition aufmerksam zu machen – 'there is joy in repetition'. damit führt sich die frage nach dem anfang selbst an der nase durch den äther. irgendwann fängt es an und irgendwann hört es auf. aber das zufällige hat dennoch eine form und eine literarische qualität. dem kann man nachspüren und es dann weitertreiben, neu collagieren, andere prioritäten setzen; und man bleibt in diesem geschäft doch immer innerhalb der regeln, die heißenbüttel bereits vor- und ausbuchstabiert hat, in den grenzen seines sprachspiels. es kommt formal nichts neues dabei heraus, schon gar kein drittes portrait. aber doch, es wäre doch von einer weiteren person (rolle) die rede? so schlittert man beim hören, beim nachdenken und beim machen ganz sachte wieder in die geschichten, in die narration. wer ist denn dieser d’alembert und wer ist dieser wildermuth, wie hängen sie zusammen und wer könnte deren beziehung noch weiter erläutern? wir erfahren über diese beiden und alle anderen skizzierten charaktere nichts aus erster hand, wir erfahren viel vom hören-sagen. verlängerte man diese versuchsanordnung in das freie feld einer dritten biographie, es käme dasselbe dabei heraus, mit mehr worten, vielleicht mit mehr sprechern, aber im selben formprinzip. daraus folgte für uns: das dritte portrait ist die sendung, das hören-sagen. heißenbüttel war ein wort in seinem manuskript sehr wichtig: bandrücklauf. wer bis zur digitalisierung ein tonstudio betrat, war umgeben von diesen mickymausartigen klängen, wenn die aufnahmen vor- und zurückgespult wurden. dieses geräusch war das akustische emblem der produktion par exellence, ein geräusch, das mit alltag nichts zu tun hatte und den studioalltag konstituierte. ein geräusch, das das gesprochene wort nicht zum rauschen verkommen ließ, ihm aber jeden inhalt nahm; es wird gesprochen, aber von wem? – ob mann oder frau, und von was? – das war nicht mehr herauszuhören. heißenbüttel wollte es zwei mal dreißig sekunden lang in seiner sendung hören. dieser starke hinweis auf die materialität der produktion öffnet eine tür. diesem weg sind wir dann gefolgt."

Ulrich Lampen

Helmut Heißenbüttel: Zwei oder drei Porträts

Mit Udo Samel, Wiebke Puls, Sebastian Blomberg
Ton und Technik: Winfried Meßmer, Adele Kurdziel
Regieassistenz: Kirsten Böttcher
Regie: Ulrich Lampen
Redaktion: Herbert Kapfer
BR 2016, Länge: 41'45

Helmut Heißenbüttel (1921-1996), Autor und Hörspieltheoretiker. Konkrete Poesie und experimentelle Prosa, u.a. D’Alemberts Ende (1970), Das Durchhauen des Kohlhaupts (1974). Hörspiele u.a. Was sollen wir überhaupt senden? (SDR 1970), Mein Name ist Ludwig Wittgenstein oder Die Chimäre (WDR 1975), Warzen und alles (SWF 1980), Wenn Adolf Hitler den Krieg nicht gewonnen hätte (BR 1997).


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