Bayern 2 - Hörspiel


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Hörspiel in 3 Teilen und 9 Stunden Originalton Kriminalfall Vera Brühne

Tonbandprotokolle: Vernehmungen im Fall Vera Brühne. 9 Stunden Originalton und Hörspiel: Nr. 989, Aichach. Mitschnitte Vera Brühne (I-III)

Stand: 06.10.2017 | Archiv

Vera Brühne | Bild: Bayerisches Staatsarchiv, München

„Genickschuß in der Kellerbar“ titelten die Gazetten Anfang der 1960er Jahre.

Dr. Otto Praun/Elfriede Kloo

Der unter dieser Schlagzeile berühmt-berüchtigt gewordene Mordfall Dr. Otto Praun/Elfriede Kloo gilt bis heute als einer der spektakulärsten Kriminalfälle der deutschen Justizgeschichte: Der Frauenarzt Dr. Praun, ein Mann mit einem eher undurchsichtigen Leben, war im April 1960 zusammen mit seiner Haushälterin Elfriede Kloo in seinem Haus in Pöcking am Starnberger See ermordet worden.

Die Schuldigen waren bald gefunden und verurteilt:

"Im Namen des Volkes!
Urteil in der Strafsache gegen
1) B r ü h n e Vera und 2) F e r b a c h Johann
wegen Mordes u.a. hat das Schwurgericht beim Landgericht München II in den 22 öffentlichen Sitzungen vom Mittwoch, den 25. April, bis Montag, den 4. Juni 1962 […] zu Recht erkannt:
1. Ferbach Johann, geboren 9. August 1913 in Köln, verwitweter Montageschlosser, deutscher Staatsangehöriger, wohnhaft in Köln, Bonner Wall 100, in dieser Sache zur Zeit in Untersuchungshaft
2. Brühne Vera Maria, geb. Kohlen, geboren 6. Februar 1910 in Essen-Kray, geschiedene Hausfrau, deutsche Staatsangehörige, wohnhaft in München, Kaulbachstraße 40, in dieser Sache zur Zeit in Untersuchungshaft sind schuldig zweier in Mittäterschaft begangener Verbrechen des Mordes. Sie werden zu lebenslangem Zuchthaus verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden ihnen auf Lebenszeit aberkannt. Sie haben die Kosten des Verfahrens, einschließlich der notwendigen Auslagen der Nebenklage, zu tragen."

Urteil gegen Vera Brühne und Johann Ferbach

Publikumsandrang vor dem Münchner Justizpalast am ersten Prozeßtag gegen Vera Brühne, 25.4.1962

Erst vor kurzem wurden die Akten des Prozesses zur Erforschung freigegeben; darunter auch Tonbänder der Vernehmungen der Beschuldigten Vera Brühne und Johann Ferbach sowie, als Zeugin, der Tochter Sylvia Cosolkowsky durch Staatsanwalt und Ermittlungsrichter. Es sind justizgeschichtliche Zeitdokumente unschätzbarer Art.


Aus diesem Fund entwickelte sich ein bimediales Projekt. Es bietet zweierlei:

  • das Hörspiel Nr. 989, Aichach. Vera Brühne Mitschnitte ist eine pointierte Montage, eine Melange aus realem Sprechen verquickt und angereichert um eine schauspielerische Annäherung an das Gesagte:


  • die Vernehmungen im Fall Vera Brühne. Tonbandprotokolle, die den unverstellten Zugang zu 9 Stunden O-Ton gewähren:

Download Tonbandprotokolle





















Das Projekt mit seinen beiden Komponenten vermittelt ein komplexes Kaleidoskop der psychischen Befindlichkeit der Angeklagten. Von diesem ausgehend lässt sich allerlei über die damalige Gesellschaft erzählen:
Das Frauenbild jener Zeit wird transparent – und dessen männliche Bestimmtheit. Auch die komplexen Beziehungen zwischen Mann und Frau, Mutter und Tochter. Und es leben alte Verschwörungstheorien wieder auf, üble Spekulationen um Nachrichtendienste, Geheimagenten, Waffenhändler und deren dolce vita. Dunkle Mächte werden lebendig, Ängste und Lüste einer Gesellschaft im Umbruch. Vera Brühne wurde, fast ohne ihr Zutun, zur Projektionsfläche, auf der sich vieles spiegelte, was die Gesellschaft der 1960er Jahre an Träumen und Wünschen, an Begehren und Nöten in sich trug. Und schon bald ging es gar nicht mehr um ihre Person: Vera B. wurde schnell zu einer anderen, frigid und Sexbombe zugleich, habgierig und grande dame – ein Katalysator.

Solche Bilder wecken Sehnsüchte. Der Traum vom Spanienurlaub im eigenen Anwesen, die Verführungen der Halbwelt, das Leben in Luxus und Glamour. Aber es gibt da auch noch die andere Vera B.: die verzweifelte, die hysterische Angeklagte. Und manches Mal ist sie auch beides auf einmal: dann ist sie kalt, abweisend, herrisch.

Der Mann an ihrer Seite geriet während des Prozesses zur Nebenfigur. Er wurde dargestellt als das hörige Faktotum einer habgierigen und kalten Frau. Das wird ihm nicht gerecht. Bei der Vernehmung kommt er jetzt auch einmal zu Wort:

Die Fotos von Vera Brühne in den Hochglanzmagazinen jener Jahre sind verräterisch. Auf ihnen sieht man eine überaus attraktive Frau, der einfach alles zuzutrauen ist. Eine Frau, die das Leben kennt. Eine Frau im einteiligen Badeanzug, die ihre Tochter (im Bikini) geradezu in die Kamera schiebt. Eine Frau, die weiß, was sie will. Der kein Preis zu hoch war. Die selbst ihre Tochter opferte, um ihr Ziel zu erreichen. Und von ihr dann verraten wurde.

Der Indizienprozess gegen Vera Brühne (mit der eigenen Tochter als wichtigster Belastungszeugin) endete 1962 mit der Verurteilung der Angeklagten. Erst 1979 unterzeichnete der bayerische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß ihre Begnadigung. Johann Ferbach war bereits 1972 in der Haft verstorben. Vera Brühne starb 2001 in München.

Vera Brühne im Jahr 1980

Es bleiben die Gesichter einer Frau, ihre ihr zugeschriebenen und ihre wirklichen. Die Gesichter einer Frau, die sich irgendwann einmal verlor … und nun, Jahre später, wiedergefunden wird, aufscheinend als Fremde, als synthetisches Produkt ihrer Zeit.

Hörspiel in 3 Teilen

Michael Farin
Nr. 989, Aichach. Mitschnitte Vera Brühne


Teil I: Vera
Teil II: Vera und Johann
Teil III: Vera und Sylvia


Mit Corinna Harfouch, Peter Lohmeyer und Lilith Stangenberg
Regie: Michael Farin
BR 2017

21 Tonbandprotokolle

Vernehmungen im Fall Vera Brühne
Tonbandprotokolle - 9 Stunden Originalton


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