Bayern 2 - Hörspiel


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Jörg Albrecht Beyond the Rainbow

Stand: 16.01.2017 | Archiv

 Jörg Albrecht | Bild: Anne Levy

Silvana Trans ist eine Frau. Doch mehr als zwanzig Jahre lang sagte ihr Spiegelbild ihr das Gegenteil. In einem männlichen Körper geboren, versucht sie jetzt, doch noch zur Frau zu werden – oder wenigstens weiblich genug zu sein. Und dabei durchläuft sie Therapiestunden, Untersuchungen, Gerichtsanhörungen, um die letzten, die entscheidenden Schritte gehen zu können. Und dazu: die entscheidenden Schnitte. Und manchmal wünscht sie sich, es käme jemand daher, ein Zauberer, der mit einem Scherenschnipp oder Fingerzeig ihre Geschichte an ein Happy Ending brächte. Ein Fingerzeig – und das schwarzweiße Leben verwandelt sich zu einem in Farbe, in Technicolor.

So wie in The Wizard of OZ (1939): Dort ist es Dorothy Gale (Judy Garland), die von einem Wirbelsturm aus dem schwarzweißen Kansas ins Technicolor-Märchenland OZ katapultiert wird. Zusammen mit ihrem Hündchen Toto begibt sie sich auf die Suche nach dem großen Zauberer, der sie angeblich wieder nach Hause bringen kann. Der gelben Backsteinstraße folgend, lernt sie drei andere kennen, die nach etwas suchen: die Vogelscheuche ohne Verstand, den Blechmann ohne Herz und den Löwen ohne Mut. Alle begeben sich also zum Zauberer – ohne zu merken, dass sie genau das, wonach sie sich sehnen, schon besitzen.

Aber wie können wir etwas suchen, das wir längst haben? Wie geben, was wir längst nicht mehr haben oder nie hatten? Und wie an einem Ort ankommen, den es (noch) gar nicht gibt? („Remember: There’s no place like home.“) Die Fabelwesen in Beyond the Rainbow sind transident, schwul oder lesbisch, kleinwüchsig, nicht-weiß, gehörlos, haben einen Migrationsbackground – vielleicht auch gleich mehrere – oder sind Konvertiten vom Islam zum Katholizismus. Sie sind Fabelwesen aus der Sicht einer Mehrheitsgesellschaft, die eigentlich schon nicht mehr existiert, sich aber gerade besonders lautstark in den Vordergrund drängt, um alles scheinbar Fremde und Abweichende in die Sphäre des Fantastischen zu verbannen, beyond the Rainbow eben.

Transsilvana, der Dragking Tom Cruising, der deutschtürkische, schwule Katholik Hayati Terzi, der afrodeutsche Brian Storm und der stumme Toto Ricchetti – sie alle sind auf der Reise dorthin, wo die große Anerkennung winkt. Doch die Reise dauert und dauert. Und während sie reisen, nehmen sie gemeinsam ihren Lieblingsfilm auseinander: The Wizard of OZ.

Jörg Albrecht: Beyond the Rainbow

Mit René Dumont, Christian Erdt, Karolina Horster, Aurel Manthei, Franz Pätzold, Julia Riedler
Komposition: Beißpony
Regie: Stefanie Ramb
BR 2017, Länge: 53’23

Jörg Albrecht, geb. 1981 in Bonn, lebt in Berlin. 2011 Promotion über Abbrüche in Prosa und Hörstücken. Prosa, Theatertexte, Hörspiele, Essays, Romane u.a. Beim Anblick des Bildes vom Wolf (2012), Anarchie in Ruhrstadt (2014), Der Kotti (2015). Zusammen mit dem Theaterkollektiv copy & waste erforscht er seit 2007 die Architektur von Städten und Fiktionen. Weitere BR-Hörspiele Moon Tele Vision (2008), Du kannst nicht immer schimmern, mein Spatz (2009), Hell of Fame (2013).


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