Heinrich Bedford-Strohm Gedanken zur Pfingstzeit
31. Mai
Donnerstag, 31. Mai 2012
Ich entsinne mich noch sehr genau, wie es war, als ich zum ersten Mal nach Ruanda fuhr. Ich war eingeladen zu einer Tagung des Weltkirchenrats, die in der Hauptstadt Kigali stattfand. Anlass war der entsetzliche Völkermord in diesem kleinen zentralafrikanischen Land im Jahr 1994, dem fast eine Million Menschen zum Opfer gefallen waren. Fast vier Monate hatte das Morden vor den Augen der Weltöffentlichkeit gewütet und auch vor den Kirchen nicht Halt gemacht: viele Kirchenleute aus allen Konfessionen hatten sich an dem Blutvergießen beteiligt. Die ganze Nation stand danach vor einem Scherbenhaufen. Und erst recht die Kirchen! Wie nur konnten Menschen, die an Christus glauben, zusehen oder gar aktiv mitwirken, als brutale Gewalt ein ganzes Land körperlich und seelisch zugrunde richtete? Inzwischen ist viel gebetet worden. Ist viel Schuld bekannt worden. Und ist viel vergeben worden. Eine ruandische Freundin von mir hat ihre Eltern und alle vier Geschwister beim Völkermord verloren. Bei der Rückkehr in ihr Dorf hat sie einen der Mörder ihrer Familie getroffen. Er war ein Nachbarskind. Und sie hat ihm vergeben. Eigentlich unvorstellbar. Aber sie sagt, Christus gibt ihr die Kraft dafür. Ja, es gibt den Heiligen Geist. Und er vermag manchmal Unvorstellbares.
Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm / unveröffentlichter Text

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