Albert Schweitzer Gedanken zum Tag
15. Februar
Mittwoch, 15. Februar 2012
Bis zu einem gewissen Grade sind wir in den modernen Verhältnissen alle Unfreie geworden. In jedem Stande haben wir einen von Jahrzehnt zu Jahrzehnt, wenn nicht von Jahr zu Jahr schwereren Kampf um die Existenz zu führen. Physische oder geistige Überarbeitung oder beides ist unser Los. Wir bringen es nicht mehr zur Sammlung. Unsere geistige Unselbständigkeit nimmt in demselben Maße zu wie die materielle. Nach allen Seiten hin kommen wir in Abhängigkeiten, die man früher in dieser Allgemeinheit und Stärke nicht kannte. Die sich stets vollkommener ausbildenden wirtschaftlichen, sozialen und politischen Organisationen bekommen uns immer stärker in ihre Gewalt. Der straffer und straffer organisierte Staat gebietet in immer entschiedenerer und umfassenderer Weise über uns. In jeder Hinsicht ist unser Eigendasein also herabgesetzt. Persönlichkeit zu sein, ist uns immer schwieriger gemacht. So bringen es die Fortschritte der äußeren Kultur mit sich, dass die Individuen, trotz aller Vorteile, die sie davon haben, dadurch in vieler Hinsicht materiell und geistig in ihrer Kulturfähigkeit geschädigt sind. Die Fortschritte der materiellen Kultur sind es auch, die die sozialen und politischen Probleme in so unheilvoller Weise verschärfen.
Entnommen aus: Albert Schweitzer "Die Ehrfurcht vor dem Leben. Grundtexte aus 5 Jahrzehnten", C.H. Beck Verlag, München, 1982, S. 62f

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