Vom Umgang mit Suizid Wut, Scham und Schuldgefühle
Bayern hält einen traurigen Rekord: Nirgendwo sonst in Deutschland nehmen sich jedes Jahr so viele Menschen das Leben. Betroffenen, denen ihre Lebenssituation ausweglos erscheint, hilft der Krisendienst "Horizont" in Regensburg.
Etwa 10.000 Menschen nehmen sich in Deutschland jedes Jahr das Leben. Damit sterben hierzulande mehr Menschen durch eigene Hand als durch Unfälle. Bayern führt den traurigen Rekord an. Warum das so ist, darüber rätseln Experten seit langem.
Suizid
Vielen Menschen, die am Leben verzweifeln, gelingt es, ihre Todessehnsucht vor den engsten Angehörigen geheim zu halten. Andere wiederum senden Signale aus, ziehen sich immer mehr zurück, vernachlässigen Hobbys oder sagen zum Beispiel "Es hat doch alles keinen Sinn mehr." Wenn die Betroffenen dann noch anfangen, persönliche Dinge zu verschenken, ist dies oft ein untrüglicher Hinweis darauf, dass jemand seinen Tod plant. Doch selbst wenn es verdächtige Anzeichen gab, kommt ein Suizid für die Angehörigen immer überraschend.
"Mein Lebensgefährte hat sich 1990 das Leben genommen. Ich war damals 29 und ich muss ehrlich sagen, ich hatte keine Ahnung, was psychische Erkrankungen sind, wie die sich auswirken, wie man sie erkennt, ich hatte wirklich keine Ahnung. Und wie es so ist in einer Beziehung, man hofft ja immer auf Besserung, und ich erkannte einfach seine Not nicht..."
Elfriede Loser, Vorstandsmitglied des Vereins 'Angehörige um Suizid' in Bayreuth
Wenn das Unfassbare geschieht, sind die Hinterbliebenen oft jahrelang nicht in der Lage, wieder ein annähernd normales Leben zu führen. Bei keiner anderen Todesart drängen sich die Fragen nach der persönlichen Schuld und Verantwortung so belastend auf wie nach einem Suizid. Schuldgefühle üben eine ungeheure Macht auf die Hinterbliebenen aus. Viele geraten dabei in einen zerstörerischen Gedankenkreislauf, den sie kaum noch unterbrechen können.
Hilfsangebote in Bayern
Krisendienst "Horizont"
Der Krisendienst "Horizont" in Regensburg bietet Menschen mit Suizidgedanken und deren Angehörigen professionelle, aber unbürokratische Hilfe. Bei "Horizont" arbeiten nur psychologisch geschulte Fachleute. Im Unterschied zu psychotherapeutischen Praxen gibt es keine langen Wartezeiten. Ein Anruf bei der Horizont-Hotline genügt und meistens ist noch am selben Tag ein persönliches Gespräch möglich. Für Angehörige bietet der Krisendienst Gesprächskreise an. Auch eine Selbsthilfegruppe ist entstanden, in der Betroffene Unterstützung und Entlastung finden können.
Krisentelefon: 0941 5 81 81
Verein AGUS
Die in Bayreuth gegründete Selbsthilfeorganisation "Angehörige um Suizid" (kurz AGUS) kümmert sich um Hinterbliebene, die einen nahestehenden Menschen durch Suizid verloren haben. Sie werden nach einem Suizid in ihrer Trauer oft vergessen, leiden an Schuldgefühlen, Versagen oder Scham. AGUS vermittelt ihnen unter anderem Selbsthilfegruppen und bietet Trauerseminare an.
Trauer
Viele Hinterbliebene schämen sich zu erzählen, dass ein Familienmitglied freiwillig aus dem Leben geschieden ist. Immer noch gilt die Selbsttötung innerhalb der Gesellschaft als Ausdruck von Schwäche. Nachbarn wechseln plötzlich die Straßenseite. Frühere Freunde rufen nicht mehr an. Kollegen sind peinlich darauf bedacht, das Gespräch nicht darauf zu bringen. So hat es nach dem Suizid ihres 16-jährigen Sohnes auch eine Mutter erfahren, die regelmäßig in einer Selbsthilfegruppe des Krisendienstes "Horizont" Entlastung und Unterstützung sucht: "Die Leute meinen, wenn sie dich nicht drauf ansprechen, dann denkst du nicht dran, so ungefähr. Ich wollte aber immer gern darüber reden."
"Meine Eltern waren mir auch nicht unbedingt ein Trost. Sie haben oft zu mir gesagt: Elfriede, sag bloß nicht, dass der sich das Leben genommen hat, sondern sag, er hat einen Autounfall gehabt, weil die Leute, die verstehen das nicht. Und dann hab ich mir gedacht, nee, das mach ich nicht. Das sag ich nicht."
Elfriede Loser, Vorstandsmitglied des Vereins 'Angehörige um Suizid' in Bayreuth
Wortwahl
Sowohl der Krisendienst Horizont als auch die Selbsthilfeorganisation "Angehörige um Suizid" (AGUS) vermeiden den Begriff "Selbstmord" und verwenden stattdessen "Suizid" oder "Selbsttötung". Ein "Mord" bezeichne den schwersten Strafbestand unserer Rechtssprechung, der aus niedrigen Beweggründen verübt wird, heißt es auf der AGUS-Internetseite. Mit der verzweifelten Tat eines Menschen, dem seine Situation als ausweglos erscheint, habe das nichts gemein.
An der Tabuisierung der Selbsttötung ist das Christentum nicht ganz unschuldig. Augustinus, einer der einflussreichsten Kirchenväter, verbreitete die Ansicht, niemand habe das Recht, sich selbst zu richten. Daraufhin wurde auf dem Konzil von Arles im Jahre 452 erklärt, Selbstmörder seien vom Teufel inspiriert. Bis weit in unsere Zeit hinein wurde ihnen die kirchliche Bestattung verweigert. Man sprach vom "Selbstmord", ein Begriff, der mit Schande und Schmach verknüpft ist und auf Martin Luther zurückgeht. Trotzdem gehörte der Reformator zu den Ersten, die in gewisser Weise Verständnis für sie aufbrachten. In seinen Tischreden sagte er: "Sie tun es nicht gern, aber sie werden von der Macht des Teufels überwältigt wie einer in einem Wald von einem Räuber ermordet wird."

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