Bayern 2 - Evangelische Perspektiven

After-Work-Besinnung Spirituelle Zentren der evangelischen Kirche

Immer weniger Menschen können mit Kirche etwas anfangen, suchen aber trotzdem nach Spiritualität. Für die Kirchen heißt das, in der Seelsorge neue Wege zu gehen. Aber wie kann das aussehen? Antje Dechert hat spirituelle Zentren der evangelischen Kirche in München und Nürnberg besucht.

Von: Antje Dechert Stand: 18.10.2012

Die Evangelische Landeskirche hat vor einigen Jahren zwei große spirituelle Zentren in München und Nürnberg eröffnet. Dort soll Raum für Stille und spirituelle Begegnung entstehen. Die Rückbesinnung auf christliche Mystik spielt dabei ebenso eine Rolle wie die Adaption geistlicher Übungen aus fernöstlichen Religionen.

Mitmach-Messe in Sankt Martin

Das spirituelle Zentrum Sankt Martin befindet sich in einem schlichten Backsteingebäude im einem Hinterhof im Münchner Glockenbachviertel. Andreas Ebert ist der Pfarrer von Sankt Martin. Aber das heißt nicht, dass er allein für die Gottesdienste dort verantwortlich ist, geschweige denn Inhalte vorgibt. Die Martinsmesse wird von den Gläubigen geplant und aktiv mitgestaltet. Selbst aktiv sein, kein Predigen von oben nach unten, ist das Motto:

"Wir sind der Meinung, dass nicht der Pfarrer oder der Priester Jesus repräsentiert, sondern dass die Gemeinde den Leib Christi verkörpert und nicht irgendein Funktionär."

Andreas Ebert, Pfarrer

Ökumenisch und offen für Spirituelles aus anderen Religionen

Das spirituelle Zentrum St. Martin in München ist eine Art Labor, in dem nicht nur eine neue Gottesdienstform, sondern auch eine neue Gemeindeform ausprobiert wird, eine offene Kirche, die den Gläubigen keine moralischen Maßstäbe aufzwingt. Dass man "sowas" wie Meditation heute in der evangelischen Kirche findet, ist auch dem Engagement von Pfarrern wie Andreas Ebert zu verdanken. In der Auseinandersetzung mit anderen Religionen gingen Theologen wie er daran, kontemplative Traditionen aus dem Christentum wieder zu entdecken und sie in den Gemeindealltag zu integrieren. Seit 2011 ist Ebert auch Beauftragter für Geistliche Übung in Bayern. Gemeinsam mit seinem Kollegen Oliver Behrendt, der in Nürnberg das Spirituelle Zentrum im Haus Eckstein leitet.

Andreas Ebert

Pfarrer, Buchautor und Liedermacher

  • Andreas Ebert ist 1952 als Sohn unkirchlicher Eltern in Ost-Berlin geboren. In seiner Internatszeit in Windsbach kam bei ihm der Wunsch auf, Pfarrer zu werden.
  • Er studierte evangelische Theologie in Neuendettelsau, Tübingen und Heidelberg. Für alternative Glaubenswege war er von jeher offen. Er beschäftigte sich unter anderem mit Meditation und Enneagrammen. Auch die Ökumene war ihm stets wichtig. In Nürnberg gründete er 1980 eine christliche Teestube mit Basisgemeinde und Eine-Welt-Laden.
  • Seit 2004 leitet er das Spirituelle Zentrum St. Martin in München
  • Seit 2011 ist er Beauftragter für Geistliche Übung der evangelischen Kirche in Bayern
  • Er ist Autor zahlreicher Bücher - unter anderem: "Das Enneagramm. Die 9 Gesichter der Seele"; "Die Perlen der Seele. Meditieren mit dem Enneagramm"; "Christsein üben - 28 Wege spiritueller Praxis"

Von Lach-Yoga bis Glaubenskurse für Wiedereinsteiger

Dort gibt es Kurse wie, "Flottes Stricken und Häkeln", "Lach-Yoga" oder "QiGong für den Feierabend". Daneben eine Diskussionsrunde zur Frage "Was tun gegen Rechtsextremismus?", zudem ein evangelischer Glaubenskurs für Wiedereinsteiger und ein Vortrag über weibliche Grenzerfahrungen, zu dem die Schauspielerin Martina Gedeck als Referentin geladen ist. Unter einem Dach arbeiten hier schon seit 1997 ganz unterschiedliche kirchliche Einrichtungen zusammen: von der Evangelischen Stadtakademie, über die Fachstelle für Alleinerziehende bis hin zur Evangelischen Jugend in Nürnberg. Seit 2006 gibt es im Haus Eckstein ein Spirituelles Zentrum. Leiter ist Pfarrer Oliver Behrendt.

Zukunftsweisende Kirche?

Zentren wie Sankt Martin oder das Haus Eckstein sind bundesweit einmalige Projekte. In praktisch-theologischen Auseinandersetzung werden sie für zukunftsweisende Modelle gehalten. In einer Gesellschaft, die sich immer mehr ausdifferenziert und individualisiert, müsse eben auch die Kirche mit differenzierten Angeboten unter einem Dach präsent sein. Von diesen vielfältig orientierten Spirituellen Zentren aus, so die Hoffnung, könne man dann auch die leerstehenden Kirchen wieder beleben.


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