Protestantischer Friedhof Oase der Stille im hektischen Rom
Eine Oase des Friedens und ein kostbares Stück deutschen Kulturguts in Rom: Der malerische "Cimitero Acattolico", der "Nicht-Katholische Friedhof. Hier ruhen neben den Söhnen Goethes oder Alexander von Humboldts alle, denen aufgrund ihres Glaubens die letzte Ruhe auf den offiziellen Friedhöfen Roms verwehrt wurde.
Die Porta San Paolo im Zentrum Roms ist ein chaotischer Verkehrsknotenpunkt. Mehrere Metro- und Buslinien kreuzen sich. Autos und Motorinos rauschen an der markanten weißen Cestius-Pyramide vorbei, die der Haltestelle ihren Namen gibt: "Piramide". Der Lärm ist ohrenbetäubend. Erst in einer kleinen Seitenstraße hinter der Pyramide aus dem 1. Jahrhundert vor Christus und der alten Stadtmauer wird es ruhiger. Hier öffnet sich das Tor zum "Nicht-Katholischen Friedhof", dem "Cimitero Acattolico", wie das Gelände bis heute heißt.
"Kamelien leuchten unter Lorbeer und Geißblatt. Die Myrten stehen in Blüte, und Rosen winden Girlanden um die Stämme der Zypressen. Narzissen und Lilien sprießen aus dem hohen Gras hervor… Schöner Garten, zu dem der Wanderer seine Schritte lenkt: Ist das der Friede des Traumlands?"
Axel Munthe, schwedischer Arzt und Schriftsteller des 19. Jahrhunderts
"Früher waren hier nur Wiesen, die Menschen kamen, um Sport zu treiben, Wettläufe zu machen, aber auch um ihren Müll abzuladen", erzählt Doris Esch. Die Altphilologin und Historikerin lebt seit Jahrzehnten in Rom und hat die außergewöhnliche Geschichte des Geländes studiert. Einst, sagt sie, habe das Areal des heutigen Friedhofs außerhalb des eingezäunten Bezirks von Rom gelegen. Im 18. Jahrhundert begann man hier Tote zu begraben, die nicht katholisch waren und meist religiösen Minderheiten angehörten.
Klicktool: Wer ruht auf dem Cimitero Acattolico?
Julius August von Goethe
Als einziges von fünf Kindern, denen Johann Wolfgang von Goethe und seine Frau Christiane Vulpius das Leben schenkten, erreichte Julius August das Erwachsenenalter. Er war 40 Jahre alt und Kammerherr am Sächsischen Hof als er auf den Spuren seines Vaters eine Italienreise antrat. Dabei fiel er in Rom 1830 den Pocken zum Opfer. Sein schlichter Grabstein steht zwischen den Stämmen zweier hoher Zypressen, darauf die kurze Inschrift: "Goethes filius, patri antevertens" – zu Deutsch: Goethes Sohn, dem Vater vorauseilend".
Die Kinder von Wilhelm von Humboldt
Wilhelm von Humboldt war in Rom Gesandter Preußens beim Heiligen Stuhl und hat in dieser Zeit zwei seiner Kinder verloren. Dank seiner guten Kontakte zum Vatikan bekam er die Erlaubnis, für ihre Gräber ein Stück Land bei der Cestius-Pyramide zu erwerben. Das Recht auf einen Grabplatz an diesem Ort wurde damit erstmals offiziell dokumentiert. Die Grabmäler seiner Kinder sind Stelen, vielleicht einen Meter hoch und dann abgebrochen - so wie dieses junge Leben viel zu früh abgebrochen ist.
John Keats, ein in England leidenschaftlich verehrter Poet
John Keats war schon in jungen Jahren an Tuberkulose erkrankt und sein Arzt riet ihm, in ein wärmeres Klima umzuziehen. So kam er mit seinem Freund, dem Künstler Josef Severn im Herbst 1820 nach Rom. Aber offenbar hatte ihm niemand gesagt, dass Rom in Winter sehr feucht und kühl sein kann. Jedenfalls verschlechterte sich sein Zustand leider schnell und er starb schon im Februar 1821 im Alter von nur 26 Jahren.
Piercy Shelley, englischer Romantik-Dichter
Piercy Shelleys Grabplatte liegt unmittelbar zu Füßen der mächtigen antiken Stadtmauer. Shelly kam nur ein Jahr nach seinem Dichter-Kollegen John Keats bei einem Sturm auf hoher See im Norden Italiens ums Leben. Sein Körper wurde beim Segeln über Bord gespült und erst nach Tagen gefunden. Seine Frau Mary beschloss, ihn hier beizusetzen, denn auch ein Kind der beiden starb sehr jung und liegt auf diesem Friedhof.
Ob Anglikaner oder Protestanten, orthodoxe Christen oder Angehörige anderer Religionen: Sie alle durften laut der vatikanischen Verordnungen, die zu jener Zeit in ganz Rom galten, nicht in der geweihten Erde eines offiziellen Friedhofs bestattet werden. "Es blieb also nur ein möglichst unauffälliges Begräbnis hier am Rande der Stadt", sagt Doris Esch. Die Beerdigungen fanden nur nachts oder im Morgengrauen statt, man versammelte sich im Dunkeln, hatte kein Kreuz dabei, und wenn man einen Grabstein setzen wollte, durfte der Namen Gottes nicht darauf stehen. "Auch nicht 'Hier ruht in Frieden' und einige andere Formulierungen, die uns heute vollkommen vertraut sind, die waren einfach nicht erlaubt", erzählt Esch.
Bis heute wurden auf dem Gelände etwa 5.000 Menschen aus aller Welt begraben, die Grabsteine zieren arabische, japanische, chinesische und orthodoxe Schriftzeichen und Kreuze. Inzwischen dürfen Nicht-Katholiken längst auf den städtischen Friedhöfen in Rom beigesetzt werden. Doch viele bevorzugen noch immer das romantische Gelände an der Pyramide. Sogar eine wachsende Zahl von italienischen Katholiken wünscht inzwischen eine Beisetzung in diesem friedlichen "Traumland".
"Denen, die auferstehen werden"
"Auf dem Eingangs-Portal steht 'Resurrecturis', das heißt so viel wie 'denen, die auferstehen werden'. Diese Überschrift bringt im Grunde die Botschaft dieses Friedhofs wunderbar zum Ausdruck. Denn hier sind Menschen bestattet, die alle nicht-katholischen Glaubens gewesen sind. Das waren alles Menschen, die eigentlich aufgrund ihres Glaubens ausgeschlossen waren, die anders waren, die sich erklären mussten. Und als man dieses Portal gesetzt hat, hat man die Hoffnung zum Ausdruck gebracht: Es sind alles Menschen, die mit Christus auferstehen werden!"

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