Erleuchtung garantiert? Machtmissbrauch im Zen-Buddhismus
Der Asia-Boom zieht auch Scharlatane an. Es gibt sogar Zen-Buddhismus-Meister, die ihre Macht missbrauchen. Ein Aussteiger aus einer Zen-Gemeinschaft erzählt, wie er immer stärker in den Bann des Gurus geraten ist und sich von der Außenwelt abgeschottet hat.
Zen-Buddhismus gilt bei vielen Menschen, die sich enttäuscht von den Kirchen abwenden, als unverfängliche Alternative, als reine Lehre, rational ausgerichtet und "über den Dingen stehend". Beim Zen als Konzentrationsübung, heißt es, könne man "das wahre Wesen der Dinge" erkennen. Doch diese Weltsicht wurde in den vergangenen Jahren erschüttert - gibt es doch in Amerika und auch in Deutschland einige Zen-Gruppen, die in Missbrauchsskandale verwickelt sind. Der Autorin der Evangelischen Perspektiven geht es nicht darum, eine sinnvolle Praxis zu verunglimpfen. Sie möchte stattdessen vor Scharlatanen warnen, die diese Philosophie für ihre egomanischen Machtspiele missbrauchen.
Der Einstieg in eine faszinierende Welt
Elf Jahre lang war Franz Mitglied einer deutschen Zen-Gruppe nach japanischer Tradition. Heute sagt er: Es war eine Sekte. "Es war nicht so, dass man mit offenen Armen empfangen wurde, alle waren sehr streng", erinnert er sich: "Man hatte immer das Gefühl, man steht noch außerhalb und möchte irgendwie hineinkommen in diese Gruppe." Regelmäßig hat er gemeinsam mit seiner Frau die Zen-Übungen besucht. "Nach einem Jahr haben wir eine Wohnung von der Zen-Gemeinschaft bekommen, direkt am Zentrum." Die Gruppe war aufgebaut wie eine Zwiebel: Es gab einen äußeren Kreis, eine innere Gemeinschaft, dann kamen die Mönche und dann die persönlichen Schüler. "Man musste sich langsam hochdienen", sagt Franz.
Im System von Belohnung und Strafe
Durch die Meditation konnte man verschiedene Ebenen erreichen, bis die Schüler zu einer intensiveren "geistigen Schulung" zugelassen wurden. Dann erst sollten sie in die Kunst des "Koan" eingewiesen werden: Das ist eine Art Rätsel, für das es aber keine logische, sondern nur paradoxe Lösungen gibt. Mit ihnen versucht der Meister das rationale Denken des Schülers zu durchbrechen – "ihn auf den Kern seiner Selbst zurückzuverweisen". Franz erinnert sich, dass es für ihn schrecklich war, wenn ihn sein Meister nicht zum "Koan" zugelassen hat. Wer nicht folgsam war, musste außerdem Geld in die "Unachtsamkeitskasse" werfen - einen willkürlich hohen Betrag, mal 10, mal 100 Euro. Der Guru hat damit ein System von Belohnung und Strafe aufgebaut, immer mit dem Ziel der "Erleuchtung".
Merkmale einer Sekte
- Ein großes Gruppenzugehörigkeitsgefühl
- Vom Guru bekommen die Schüler "Zuckerbrot und Peitsche"
- Vertrauensmissbrauch bis hin zum sexuellen Missbrauch
- Geheimniskrämerei
- Der Guru muss alles unter Kontrolle haben
- Finanzielle Bereicherung der Führungsriege
- Kritik äußern - nicht erwünscht
- Sich abkapseln von der Außenwelt
- Der Guru gilt als nahezu unfehlbar, die Schüler sollen blind folgen
"Eheliche Treue ist nicht förderlich"
Schon nach kurzer Zeit bekamen Franz und seine Frau den Rat, sie müssten sich "aus dieser Monogamie befreien", denn das enge sie ein, die eheliche Treue sei nicht förderlich für die Zen-Übungen. Es gehe ja darum, sich zu erweitern und Grenzen zu überwinden. Schriftlich sollten sich die Eheleute zugestehen, auch mit anderen Sex haben zu dürfen. Erst später kam heraus, dass der Guru ein Verhältnis mit mehreren Frauen aus der Gruppe hatte. Da hatte Franz schon längstviele seiner sozialen Kontakte außerhalb der Gruppe abgebrochen. Nach jahrelanger Übung hat er schließlich eine Schüler-Lehrer-Erklärung unterschrieben, in der es unter anderem heißt:
"'Folge deinem Meister unbedingt und mit uneingeschränktem Bemühen und sorge für deinen Meister, solange du lebst, so wie er für dich sorgt, solange er lebt.' Wenn du auf diesem Pfad der Erleuchtung weiter gehen willst, dann nur zusammen mit diesem einen Meister. Das ist eigentlich eine totale Abhängigkeit – wenn man diese Erklärung unterschreibt – man unterschreibt sie mit seinem eigenen Blut übrigens – dann unterschreibt man sie wie einen Sklavenbrief: Ich gehöre zu diesem Meister, solange ich lebe."
Franz, ehemaliges Mitglied einer Zen-Gruppierung
Die Formenstrenge im Buddhismus sei sinnvoll, aber: "Wenn wir uns unserem Lehrer unterwerfen und nicht der überlieferten Zenpraxis, dann liegt ein Missstand vor", sagt der Zen-praktizierende Sogen Ralf Boeck. Schon öfter hat er sich anhören müssen, das solle man doch nicht in der Öffentlichkeit breit treten, um die in Europa noch junge Philosophie nicht in Misskredit zu bringen. "Wir sollten aus den Fehlern lernen, die die katholische Kirche gemacht hat", sagt er. Deshalb hat Sogen Ralf Boeck kürzlich bei der Deutschen Buddhistischen Union - einem Zusammenschluss der unterschiedlichsten buddhistischen Gruppen in ganz Deutschland - einen Ethikrat ins Leben gerufen.

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