Bayern 2 - Evangelische Perspektiven

"Massentaufen" voll im Trend 77 Mal Gottes Segen

Seit Jahren gehen die Zahlen der Taufen zurück. In Nürnberg gibt es über 5.000 "evangelische" Kinder zwischen null und zwölf Jahren, die nicht getauft sind. Im "Jahr der Taufe" hat die Nürnberger Gustav-Adolf-Gedächtniskirche nun bisher Unentschlossene mit dem ersten bayerischen Großtaufereignis gelockt.

Autor: ,Eine Sendung von Clemens Finzer Stand: 13.09.2011

Felix hält den Docht seiner knallgelben Kerze in die Flamme des großen Tauflichts. 77 Mal springt der Funke an diesem Sommertag über, also 77 Kinder und Jugendliche zwischen null und 17 Jahren sind in die Gustav-Adolf-Gedächtniskirche in die Nürnberger Südstadt gekommen, um den Segen Gottes zu empfangen. Zu der großen Gemeinschaftstaufe eingeladen hatte der Regionalbischof Stefan Ark Nitsche und sein Seelsorgeteam.

"Wir haben festgestellt, dass es in Nürnberg über 5.000 Kinder zwischen null und zwölf Jahren mit mindestens einem evangelischen Elternteil gibt, die nicht getauft sind und haben uns auf die Suche nach den Gründen gemacht", erklärt Nitsche sein Engagement. Bei seinen Nachforschungen fand er die unterschiedlichsten Gründe. Da gab es Familien, die ihre Kinder später selber über eine Taufe entscheiden lassen wollten, die keine Kraft oder kein Geld für eine große Familienfeier aufbringen konnten und natürlich solche, die mit der Kirche nichts am Hut hatten. "Wir wollten einfach sehen was passiert, wenn wir all diese Leute zu einem großen Fest einladen, bei dem die Verantwortung der Eltern nicht so groß ist für das ganze Drumherum einer Familienfeier, sondern sie sich wirklich konzentrieren können auf das, worum es eigentlich geht, nämlich die Taufe."

Eine der 3.000 Einladungen erreichte den elfjährigen Felix und seine Eltern. Sie wollten ihren mehrfach behinderten Sohn schon länger taufen lassen, aber es passte nie: "Mein Mann ist acht Jahre lang zwischen Nürnberg und Essen gependelt, bisher war eine Taufe allein deshalb schon schwer zu organisieren. Und das mit Felix war am Anfang auch nicht einfach, da hatten wir andere Sorgen, als eine Taufe zu planen."

Massentaufen voll im Trend

Mit dem ersten bayerischen Sommertauffest beschreitet die evangelische Landeskirche in Bayern neue Wege - und liegt dabei voll im Trend. Bundesweit nimmt die Zahl dieser "Großtaufereignisse" zu. Es wird in der Weser, der Elbe, im Bodensee oder gar am Ostseestrand getauft, mal wird Wasser über den Kopf gegossen und mal tauchen die Täuflinge ganz unter.

Bei der Evangelischen Kirche begrüßt man diese Art der Tauffeiern. Vielleicht auch deshalb, weil das ein Weg sein könnte, um einer zunehmenden Verbürgerlichung der Kirchen etwas entgegenzusetzen. Thies Gundlach, Vizepräsident des Kirchenamtes der EKD und zuständig für "Kirchliche Handlungsfelder und Bildung". Er erlebt sie nicht als Spektakularisierung oder Eventisierung, sondern als eine Wiederentdeckung des Reichtums der Tauftradition: "Wir haben als Kirche nicht nur in diesem Bereich, sondern an vielen Stellen das Problem, dass wir eine gewisse Milieuverengung haben. Mit Großtaufen erreicht man eben auch Menschen, die sich und ihre Kinder sonst nicht mehr taufen lassen würden."

Ökumenische Taufe?

Felix' Eltern haben ihren Sohn auch vor der Taufe schon religiös erzogen, sie wollten ihn auf jeden Fall taufen lassen. Sie hatten allerdings die Qual der Wahl, ob ihr Kind katholisch oder evangelisch werden sollte. Felix Mutter ist katholisch und sein Vater evangelisch. "Ich hätte mich sehr über eine ökumenische Taufe gefreut, mein Neffe ist schon vor über 20 Jahren in Essen ökumenisch getauft worden, das finde ich sehr schön", sagt die Mutter.

Theologisch spreche nichts dagegen, auch in Nürnberg ökumenische Taufen zu feiern, sagt Regionalbischof Stefan Ark Nitsche. Er will das mal mit seinen katholischen Bischofskollegen besprechen.

Taufe:

Egal ob nur etwas Wasser auf den Kopf gespritzt wird oder der Täufling gleich komplett untertaucht: Der Symbolgehalt ist derselbe. Der alte Mensch wird abgewaschen, aus dem Wasser kommt ein neuer Mensch, der sein Leben auf Christus baut. Der Philosoph Georg Wilhelm Friedrich Hegel schreibt über das Tauferlebnis in seinen Jugendschriften:



"Der Untergetauchte steigt wieder in die Luft empor, trennt sich vom Wasserkörper, ist von ihm schon geschieden, aber er trieft noch allenthalben von ihm; sowie es ihn verlässt, nimmt die Welt um ihn wieder Bestimmtheit an, und er tritt gestärkt in die Mannigfaltigkeit des Bewusstseins zurück."



So ein Reigungsbad war und ist in vielen orientalischen Religionen üblich; einzigartig am Christentum ist die Vorstellung des Sterbens und Auferstehens mit Jesus Christus.

Als Zeichen der Einheit aller Christen verbindet die Taufe die Gläubigen mit Jesus Christus. Unter den christlichen Konfessionen besteht deshalb die wechselseitige Anerkennung der Taufe. Wer also beispielsweise aus der katholischen Kirche austritt und in die evangelische Kirche eintritt, muss sich nicht noch einmal taufen lassen.