Bayern 2 - Evangelische Perspektiven

Geistliche Begleitung Ein ökumenischer Lebensweg

Die "geistliche Begleitung" stammt aus dem Wortschatz der Jesuiten. Sie hat vor allem über die Exerzitien in den letzten Jahren Eingang in die evangelische Kirche gefunden. Diese Form der Seelsorge hat eine uralte Tradition.

Stand: 17.10.2011
Geistliche Begleitung | Bild: picture-alliance/dpa

"Folgen Sie Ihrer Sehnsucht und überlassen Sie sich ganz der Stille vor Gott", so steht es in einem Prospekt für Schweigeexerzitien: Einer Zeit des Rückzugs in ein Leben in Abgeschiedenheit, zumindest für eine kleine Weile, im Schweigen ganz auf den Glauben ausgerichtet. Die evangelische Theologin Barbara Dietzfelbinger hat sich darauf eingelassen. Schon ein paar Mal habe sie versucht, zu erzählen, was sie während der Exerzitien dankbar erlebte.

Persönliche Glaubensprozesse

Allerdings falle es ihr schwer, das in Worte zu fassen: "Wir Protestanten sind ungeübt, über persönliche Glaubensprozesse zu sprechen." Der ehemalige Dekan der Stadt Erlangen, Gerhard Mündlerlein, beschreibt seine Erfahrungen so: "Ich erlebte diese Tage als Seelenreinigung, als zum guten Teil mich selbst überraschende Schritte zur Klärung, zur Veränderung und zu Neuansätzen meines Glaubens."

Vom Meister zum Exerzitienbegleiter

Dabei kommt den Exerzitienbegleitern eine entscheidende Rolle zu: Sie führen täglich ein Gespräch mit den Teilnehmern. Früher nannte man sie "Exerzitienmeister" - heute nicht mehr, weil viele Menschen mit diesem Begriff etwas Negatives verbinden, ein Über- und Unterordnungsverhältnis: Der oder die Lehrende und die Lernenden. Das könnte als Machtposition missverstanden werden. Daher passt der Begriff "Begleiter" besser. Sie haben die Aufgabe, den Teilnehmern dabei zu helfen, sich mit allen Sinnen auf den Glauben zu konzentrieren: im Gottesdienst, beim Meditieren und beim Schweigen.

Sünde als Gottesferne

"Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich über mich, den Sünder", beten die Übenden bei den Schweigeexerzitien. Sünde wird dabei nicht als moralische Norm verstanden, sondern als Gottesferne. Die Bitte um das Erbarmen entspricht, wie Pfarrerin Maria Reichel es in einem Essay über Exerzitienbegleitung als geistlichen Übungsweg mit einem Lutherwort formuliert, dem "Warten auf den wirkenden Gott".    

In der Tradition der Eremiten

Warten auf den wirkenden Gott

Dieses "Warten auf den wirkenden Gott" war schon für die so genannten Wüstenväter und -mütter selbstverständlich. Die ersten christlichen Eremiten haben sich ab dem dritten Jahrhundert in die ägyptische Wüste zurück gezogen und waren nach den Aposteln die vielleicht frühesten Begleiter, um den Glauben für sich und mit anderen einzuüben. Einer dieser Wüstenväter war Makarios von Ägypten. Er lebte von etwa 300 bis 390 nach Christus und gilt als Heiliger, als Seelenführer, als geistlicher Vater, der viele spirituelle Kinder um sich scharte. In einer geistlichen Weisung hat er über die Ambivalenz des Menschen geschrieben:

"Das Herz hat unauslotbare Tiefen. Wohl ist das Gefäß nur klein, doch es hausen Löwen und Drachen darin, giftige Tiere und die Schätze des Bösen. Da sind raue und unebene Pfade und gähnende Abgründe. Auch Gott ist dort mit seinen Engeln, das Leben und das Reich, das Licht und die Apostel, die Himmlische Stadt und die Reichtümer der Gnade - alles."

Makarios von Ägypten

Exerzitien sind ein Weg, um in die unauslotbaren eigenen Tiefen zu steigen und sich ihnen zu stellen. Der orthodoxen Christenheit ist diese Tradition niemals abhanden gekommen, sondern sie gehört zum geistlichen Leben und zum religiösen Verständnis dazu. Gewachsen ist das alles aus derselben Basis: Der einen christlichen Kirche. Deshalb bedeutet „geistliche Begleitung“ immer auch gelebte Ökumene.