Spiritualität demenzkranker Menschen Schmerzlicher Abschied vom eigenen Ich
Sie wollen ihre Kinder in die Schule bringen, dabei sind die schon längst in Rente. Demenzpatienten bringen Vergangenheit und Gegenwart durcheinander, verlieren den Sinn für Zusammenhänge. Ängste oder Gefühle bleiben, was christliche Seelsorger vor Herausforderungen stellt.
Gottesdienst in der Kapelle des Kompetenzzentrums Demenz in Nürnberg. Die Feier erinnert ein bisschen an einen Kindergottesdienst. Eine Predigt im klassischen Sinne gibt es nicht. Dafür etwas zum Anfassen, Hören, Riechen oder Schmecken. Bei Demenzkranken ist es wichtig, Themen so anschaulich wie möglich zu gestalten.
Demenz-Patienten verlieren den Sinn für logische Verknüpfungen. Das ist die sichtbare Oberfläche der Krankheit. Als eine "Insel im Nebel" beschreibt die Gerontologin Nicole Richard die Wahrnehmung verwirrter Menschen.
Plötzliche religiöse Gefühle
Religionssoziologische Umfragen zeigen: Die meisten alten Menschen haben tiefe religiöse Gefühle. Demenz erzeugt keine Spiritualität, aber sie macht unter Umständen sichtbar, was schon lange da ist. Viele Patienten des Demenzzentrums in Nürnberg verpassen keinen Gottesdienst in der kleinen Kapelle, selbst wenn sie vor ihrer Erkrankung gar nicht gläubig waren.
"Meine Mutter war früher ein sehr ernsthafter Mensch, der alles immer sehr schwer genommen hat. Heute ist sie in der Lage mehr von sich zeigen, als früher. Und das geht vielleicht auch so in Richtung Religiosität, dass da etwas verschüttet war bei ihr, was sie früher nicht zeigen wollte, aber was jetzt rauskommt."
Sohn einer Patientin
Im Gottesdienst für Demenzkranke funktioniert, was bei "normalen" Gottesdienstbesuchern oft nur für hektisches Blättern im Gesangbuch sorgt: Psalmensprechen im Wechsel mit dem Pfarrer zum Beispiel. Die vermeintlich verwirrten Alten können alle Lied- und Gebetstexte auswendig, denn was in früher Kindheit erlernt wurde, bleibt in der Demenz am längsten erhalten. Die Liedblätter, die Sibylle Bloch extra groß ausgedruckt hat, halten viele falsch herum oder nehmen sie gar nicht wahr. Aber sie singen mit. Bis zur letzten Strophe.
Namensschilder in Sütterlin
In den Wohngruppen des Demenzzentrums wird sich die Erinnerungsfähigkeit an junge Jahre zu Nutze gemacht: An den Zimmertüren stehen die Namen der Patienten in zweierlei Ausführung: In Sütterlin und in lateinischen Buchstaben. "Viele können die altdeutschen Namen noch lesen, mit der lateinischen Schrift aber nichts mehr anfangen", erklärt die Klinikseelsorgerin Sybille Bloch, die die Bewohner des Kompetenzzentrums seelsorgerisch betreut. Neben dem geschriebenen Namen klebt manchmal noch ein Foto aus jungen Jahren, weil die Patienten sich darauf eher wieder erkennen.
Menschen mit Demenz befinden sich oft in der Vergangenheit, halten sich selbst für jung und berufstätig. Meinen, sie müssten dringend ins Büro oder nach Hause zu ihren Kindern. In solchen Situationen auf der Wahrheit zu beharren und die Patienten "krampfhaft in die Realität zurückholen zu wollen", macht keinen Sinn, glaubt Pfarrerin Sybille Bloch. Sie arbeitet mit der Methode der "Validation", also "Wertschätzung", die in den 1960er-Jahren von der amerikanischen Gerontologin Naomi Feil entwickelt wurde.
"Wer zum Beispiel immer wieder seine Mutter besuchen möchte, die schon vor zwanzig Jahren verstorben ist, hat eine Sehnsucht nach Geborgenheit. Wenn der Betroffene schon achtzig Jahre oder älter ist, muss nicht anfangen zu diskutieren, dass die Mutter ja längst nicht mehr lebt, sondern man kann versuchen auf das Gefühl und diese Sehnsucht nach Geborgenheit einzugehen."
Sybille Bloch
Sybille Bloch erlebt bei ihrer Arbeit mit den Demenzkranken immer wieder, was diese geduldige Zuwendung bewirken kann: Dann hebt sich der Vorhang, der Demenzkranke von der Welt trennt, für einen kurzen Moment des gegenseitigen Verstehens und der intensiv erlebten Spiritualität.
Kompetenzzentrums Demenz der Diakonie Neuendettelsau
Das Kompetenzzentrum für Menschen mit Demenz in Nürnberg kümmert sich um demenzkranke Menschen und ihre Angehörigen. Die Patienten sind in kleinen Wohngruppen von bis zu zwölf Bewohnern untergebracht. Es wird gemeinsam gekocht, gegärtnert, musiziert. Zu den Angeboten gehört auch das vom Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen-Nürnberg entwickelte SimA-Training ("Selbstständig im Alter"), eine Präventionsmaßnahme, die dem Abbau geistiger und körperlicher Fähigkeiten entgegenwirken soll.
Das Demenzzentrum ist mit verschiedensten Partnern vernetzt. Etwa mit dem Institut für Psychogerontologie der Universität Erlangen/Nürnberg, der Angehörigenberatung e.V. Nürnberg, dem Klinikum Nürnberg/Zentrum für Altersmedizin und der Deutsche Alzheimer-Gesellschaft - Landesverband Bayern.

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